„Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur räselhafte Umrisse. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen.“ 1 Kor 13,12
Die Rätsel des Lebens lichten sich. Von dieser Zuversicht schreibt Paulus den Korinthern. Sie betrifft auch die Angst, die Menschen vor dem „letzten Weg“ spüren. Trägt die Hoffnung auf Leben über das Sterben hinaus? Menschen können vertrauen, dass die Nebel des Zweifels sich lichten, und dass sich das Leben in seiner ganzen Fülle entfalten wird. „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, schreibt Paulus weiter. Das ist die Brücke, die zum Leben führt.
Gräber sind Tore des Hoffens
Wenn Menschen sterben, ist Kirche gefragt. Mit den – und manchmal stellvertretend für die – Leidtragenden glaubt, hofft und hilft die Kirche. Weil es zu wenige Priester gibt, beauftragt die katholische Kirche auch Diakone und Laien als Begräbnis-Leiter/innen. Mag. Ulrike Kreuz ist eine von ihnen.
Ein Totentanz von Herwig Zens im Wohnzimmer. Mit solchen Bildern lebt Ulrike Kreuz im vierten Stock eines Wohnblocks in der Heiligen-Geist-Pfarre in Linz. Bilder vom Tod betrüben sie nicht. „Er ist ein Stück des Lebens – vielleicht ein Tor – aber nicht das Ziel“, meint sie. Dass Menschen den Tod als Stück ihres Lebens begreifen und annehmen können, dafür will sie etwas tun – als Begräbnisleiterin. Wenn ein Mensch stirbt, suchen viele Angehörige Trost bei der Kirche. In der Linzer Pfarre Heiliger Geist ist das oft der Fall. Zwei Altenheime liegen im Pfarrgebiet, auch der städtische Urnen-Friedhof. Pfarrer Thomas Mazur kann die vielen Begräbnisse nicht alleine halten. So fragte er auch Ulrike Kreuz, ob sie sich diesen Dienst vorstellen könnte. Sie sagte zu. Das war vor einem Jahr.
Auf der Flucht geboren. Die Flüchtigkeit des Menschenlebens war für Ulrike Kreuz von Anfang an gegeben. Nach der Vertreibung ihrer Eltern aus Prag kam sie in der kleinen Stadt Jauernig zur Welt, wo sie katholisch getauft wurde. Kurz darauf musste die Familie ihre Heimat endgültig verlassen und gelangte auf Umwegen nach Linz. Das Zuhause in der Kirche hat Ulrike Kreuz sich erst als Jugendliche erobert. Besondere Menschen, denen sie auf ihrem Lebensweg begegnete, eröffneten ihr die Welt der christlichen Hoffnung.In Baden bei Wien besuchte sie das Bundesinstitut für Heimerziehung und übte den Beruf der Heimerzieherin –zunächst bei den Schwestern vom Guten Hirten in Wiener Neudorf, dann in einem Schülerinneninternat in Linz viele Jahre aus. Daneben studierte sie Theologie in Linz, um dann fast 20 Jahre an der AHS und der BAKIP der Kreuzschwestern Religion zu unterrichten. Menschliches Leid lernte sie auch als Telefonseelsorgerin kennen.
Als Begräbnisleiterin. In ihrem Dienst als Begräbnisleiterin mündet für Ulrike Kreuz nun zusammen, was ihr im Leben schon bisher Anliegen war. Einen Dienst zur Versöhnung mit dem Leben und mit den Lebensumständen will sie leisten. Besonders wichtig sind der Theologin die Gespräche und die Begräbnisfeiern mit Menschen, die sich in den Randzonen der Kirche beheimatet wissen. So offen wie in der Trauer sind Menschen sonst kaum, erzählt Ulrike Kreuz. Doch sie weiß auch, dass sie diese Offenheit nicht missbrauchen darf, um Menschen in ihrer Trauer zu manipulieren. Weniger geht es beim Begräbnis um die Verstorbenen. Sie sind ja in der Obhut Gottes. Hilfe und Stütze brauchen jedoch die Angehörigen. Ein Begräbnis kann zur Versöhnung werden. „Ich will Hoffnung eröffnen“, fasst Ulrike Kreuz zusammen, worum es in der Feier geht. Nur 30 Minuten erlaubt die städtische Ordnung für eine Begräbnisfeier. Minuten, in denen sich vieles wandeln kann. Ulrike Kreuz erzählt von der Frau, die mit der Kirche nicht viel zu tun hatte. Eines Tages klopfte sie an der Tür und fragte, ob Ulrike Kreuz nicht eine Aufgabe für sie wüsste. Sie wäre einsam und wollte etwas Sinnvolles tun – und sie erklärte sich bereit, beim Kirchenschmuck in der Pfarre mitzumachen. Ein „Probegesteck“ mit einer Kerze darin hat sie noch gebracht, dann hörte Frau Kreuz nichts mehr von ihr. Als sie wenige Wochen später gebeten wurde, ein Begräbnis zu halten, war es das Begräbnis dieser Frau. Am Sarg entzündete Ulrike Kreuz die Kerze, die die Verstorbene noch selbst gebracht hatte. Sie war nun ein Trostzeichen auch für die Angehörigen. Der Theologe Eberhard Jüngel bringt für Ulrike Kreuz gut zum Ausdruck, worum es geht. „Die Angst vor dem Tod wird bleiben. Aber die Hoffnung auf Gott wird mit ihr streiten.“
Begräbnisleitung
In der Diözese Linz unterstützen bereits 116 Diakone und Laien die Seelsorger in der Begräbnisleitung. Sie tun dies entweder im Rahmen ihrer beruflichen Aufgabe als Pastoral- oder Pfarrassistent/in oder – wie im nebenstehenden Fall – ehrenamtlich. Erforderlich ist eine theologische Grundausbildung und dazu ein spezieller Kurs.