Die kleine Gruppe, die Franziska Weiner zu St?tten ihrer Jugend begleitet hat, im ehemaligen Gesch?ftshaus von Rudolf Gr?nner, heute Trafik Walpurga Biberhofer, V?cklabrucker Stra?e 9, Ampflwang, Walpurga Biberhofer im Gespr?ch mit Franziska Weiner
Franziska Weiner besuchte vor kurzem das Hausruckgebiet, wohin sie vor mehr als 60 Jahren gekommen war; ihre Kindheit hatte sie im Burgenland verbracht. Ihr jüdischer Vater überlebte Auschwitz und Mauthausen. Nach dem Krieg kam die damals 16-jährige Franziska zu Onkel Ludwig Grüner nach Bruckmühl, Gemeinde Ottnang. Er führte hier ein Kaufhaus, Onkel Rudolf war Kaufmann im benachbarten Ampflwang.
Die jüdischen Familien Grüner hatten im Zuge der „Arisierung“ durch die Nazis ihre Geschäfte verloren und diese nach dem Krieg zurückbekommen. Franziska Weiner, deren Vater Jude war, wurde von ihren Eltern etwa zu Weihnachten 1945 nach Bruckmühl gebracht. Hier sollte sie die Schule besuchen. Als die Nationalsozialisten 1938 in Österreich die Macht an sich gerissen hatten, war jüdischen Kindern der Schulbesuch untersagt. Die grausame Judenverfolgung wurde ab 9./10. November 1938 (Novemberpogrom, siehe Spalte rechts) gesteigert bis hin zum Vorhaben, die Juden auszurotten. Franziska konnte in Vöcklabruck acht Jahre später fortsetzen, was ihr vorher verweigert war: Sie besuchte die Schule.
Erschreckend skrupellos. Es war erschreckend, wie skrupellos die Nutznießer der Enteignung jüdischer Geschäfte vorgegangen sind, berichtet zum Einstieg einer zeitgeschichtlichen Erkundung am 18. Oktober 2008 in Ampflwang und Bruckmühl Hannes Koch, der sich im „Forum gegen Vergessen“ engagiert und über „Beispiele der NS-Gewaltherrschaft in Oberösterreich“ eine Doktorarbeit schreibt. Kommissarische Verwalter haben sich bereichert, Beute gemacht.
Herzliches Wiedersehen. Eine kleine Zeitgeschichte-Gruppe – Verwandte von Franziska Weiner und interessierte Menschen – begleitet die heute 77-Jährige ins Geschäft in der Vöcklabrucker Straße 24, heute Trafik Biberhofer. Es gehörte einst ihrem Onkel Rudolf Grüner, der das Geschäft nach dem Krieg bis 1959 weiterführen konnte. Die Begrüßung ist herzlich. „Ein bisschen kann ich mich noch an Sie erinnern“, sagt Walpurga Biberhofer. Franziska Weiner ist sichtlich bewegt. „Da war ein Holzboden“, sagt sie – heute ist der Boden gefliest – und Franziska Weiner erinnert sich an damals: Sie kam vom einige Kilo-meter entfernten Bruckmühl mit dem Fahrrad; durch den Bergwerksstollen, das war gefährlich und ziemlich anstrengend. „Zwei Pudeln standen hier . . . das Geschäft war größer . . . war nicht daneben ein Hutgeschäft?“ – Erinnerungen werden ausgetauscht. Zum Abschluss wünscht Frau Biberhofer der aus Linz angereisten Franziska Weiner, die etwa 13 Jahre lang hier einmal in der Woche gearbeitet hat: „G’sund bleiben!“
So sozial. Die Zeitgeschichte-Gruppe fährt weiter nach Bruckmühl, wo Franziska Weiner wohnte und hauptsächlich arbeitete – bei Ludwig Grüner. Ottnangs Bürgermeister Senzenberger begrüßt die Frau herzlich. Auch andere Menschen, die zum Einkaufen ins Nachfolgegeschäft Gruber kommen, erinnern sich an Franziska. Sie wird gleich warmherzig begrüßt wie in Ampflwang. Man erinnert sich im Kohlerevier gern der Familien Grüner. Sie waren so sozial (s. Kasten). Aber das kümmerte die Nazis nicht.
Die Grüners haben geholfen
„Die Not im Kohlerevier, in dieser Zeit, lässt sich überhaupt nicht beschreiben . . .“Die Frauen der Ausgesteuerten konnten beim Kaufmann nicht bezahlen und haben deshalb aufschreiben lassen! „Wir gehören zur Pfarre Bruckmühl, wie Sie wissen, und gleich neben der Kirche befindet sich das Kaufhaus Grüner. Dieses Geschäft haben Sie sicher schon gesehen. Die Grünerleute waren Juden. Dort also haben die Frauen eingekauft: ,Dieses eine Mal noch, bittschön!‘ Der Herr Grüner hat genau gewusst, dass er für seine Ware niemals Geld sehen wird! Woher denn auch? Trotzdem hat er den Frauen das Notwendigste gegeben und es aufgeschrieben. Außerdem haben die Kinder der arbeitslosen Bergleute jeden Mittag kostenlos eine Suppe bekommen. Der Herr Grüner und seine Frau waren die Einzigen, die geholfen haben!“ – So erinnert sich die Autorin Maria Hauser in ihrem 1997 erschienenen Buch „Nur eine kleine Weile“ (Verlag Steinmaßl) an ein Gespräch mit einer Frau, die Hauser, der jungen Kindergärtnerin im Hausruckgebiet, über das Leben dort im Jahr 1934 und zur NS-Zeit erzählte.
Pogrom, „Reichskristallnacht“
Der Begriff „Reichskristallnacht“ wurde von den Nationalsozialisten geprägt. Er ist eine zynische Umschreibung der Gräueltaten, die in der Nacht auf den 10. November 1938 stattfanden. Das Attentat von Herschel Grynszpan, Sohn jüdischer Flüchtlinge, auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath bildete den Vorwand für das reichsweite Pogrom. Zahlreiche jüdische Geschäfte (7500), Synagogen und Bethäuser wurden von der Gestapo geplündert, zerstört und anschließend angezündet. Auch wurden Juden in ihren Wohnungen überfallen, gedemütigt, misshandelt, ermordet oder verhaftet.Die blutigsten Ausschreitungen ereigneten sich in Innsbruck, wo Nationalsozialisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 drei Menschen ermordeten; ein weiterer Mann erlag kurze Zeit später seinen Verletzungen; vier ältere Menschen warf man in die Sill.