Atomenergie als Mittel gegen die Klima- und Energiekrise
Ausgabe: 2008/45, Sackgasse, Atomenergie, Klima- und Energiekrise, Kernenergie, Zwentendorf, Klimabilanz, Allianz, Kostenmärchen, Peter Weish, Energiewirtschaft, schleichender Völkermord
05.11.2008
- Hans Baumgartner
Am 5. November 1978 hat sich die österreichische Bevölkerung gegen die Nutzung der Kernenergie ausgesprochen. Erdöl- und Klimakrise lassen die Atomwirtschaft Morgenluft wittern. Zu Unrecht, meint der Umweltethiker und Physiker Peter Weish.
Die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 hat europaweit dazu geführt, dass mehrere Länder den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen haben und 20 Jahre keine neuen Atomanlagen mehr geplant worden sind. Steigende Ölpreise und die Klimakrise haben die Atomwirtschaft wieder ins Rennen gebracht. Der Humanökologe Peter Weish hält die Rückkehr der Kernenergie für eine Sackgasse.
Klimabilanz. „In Wahrheit“, so meint Peter Weish, „ist die Kernenergie nicht in der Lage, einen nennenswerten Beitrag zur Bewältigung der akuten Klima- und Energiekrise zu leisten.“ Atomkraftwerke haben eine Bauzeit von rund zehn Jahren und verbrauchen bis zum Betrieb zusätzlich viel Energie und Rohstoffe. Ihre Klimabilanz wird erst nach vielen Jahren positiv. „Jedes Haus, das ich besser isoliere, jeder Sonnenkollektor, den ich anbringe, hilft mir aber bereits morgen, Energie zu sparen und den CO2-Ausstoß zu verringern“, zeigt Weish die Alternative auf. Außerdem habe die Atomindustrie gar nicht die Produktionskapazitäten, die für eine „Energie- und Klimawende“ notwendig wären. „Deshalb sollten wir alles tun, um die Energieeffizienz zu steigern, die Bausubstanz zu verbessern, Solararchitektur, Passivhäuser etc. zu fördern. Das geht rasch, kostet viel weniger (als AKWs) und bringt den Menschen direkt einen Nutzen ohne großes Risiko“, betont Weish.
Rohstoff Uran. Ein weiteres wichtiges Argument, das von der AKW-Lobby gerne ausgeblendet werde, sei, „dass auch die Uranerzvorkommen nicht unerschöpflich sind. So rechnen Experten damit, dass wir beim Uran in spätestens 50 Jahren dasselbe Problem haben, das heute den Ölmarkt bestimmt: eine bereits erreichte maximale Förderquote bei steigendem Bedarf (peak oil). Kommt es zu einer Renaissance der Kernenergie, wird der kritische Punkt viel früher erreicht. Neue Konfliktherde um den Zugang zu Ressourcen sind damit vorprogrammiert“, befürchtet Weish. Eindringlich verweist er auch auf die massiven Umweltschäden durch den Uranabbau. „Wir haben bereits große Gebiete, die durch langlebig strahlende Abfallerze verseucht sind. Besonders schlimm davon betroffen sind wichtige Lebensräume einiger ohnedies bedrohter indigener Völker. Das ist schleichender Völkermord“, findet Weish.
Kostenmärchen. Weish will auch „mit dem Märchen aufräumen, dass Kerenergie kostengünstig ist“. Abgesehen davon, dass es keine Versicherung gibt, die bereit ist, das Risiko eines Atomunfalls zu decken, sei auch unklar, wer letztlich für die bislang ungelöste Endlagerung des Atommülls zahlen muss. Die skandalösen Vorfälle in Asse in Deutschland (ehemaliges Salzbergwerk) zeigen, wie unverantwortlich AKW-Betreiber mit dieser hochgefährlichen Altlast umgehen. Außerdem sei bei den steigenden Energie- und Rohstoffpreisen heute kaum mehr eine seriöse Kalkulation für ein AKW möglich. Beim derzeit im Bau befindlichen finnischen Kraftwerk in Olkiluoto werden die Kosten von geplanten drei auf mindestens 4,5 Milliarden Euro steigen.
Unheilige Allianz. Dass trotz allem wieder auf die Kernenergie gesetzt werde, hänge mit der engen Allianz zwischen den großen Energiekonzernen, der Atomindustrie und der Politik zusammen, betont Weish. „Jeder Sonnenkollektor auf dem Hausdach macht die Konsumenten unabhängiger von der Macht der Energiewirtschaft.“ Es sei erschütternd, wie diese Konzerne es schaffen, dass gegen die Interessen der Bürger/innen regiert werde, meint Weish. Dazu komme, dass die Atomindustrie in Frankreich oder Deutschland Kapazitäten aufgebaut habe, die für die Instandhaltung der laufenden AKWs zu groß seien. Auch da springe die Politik als „Überlebenshelfer“ ein. „Das ist wie seinerzeit bei Steyr. Da ließ die Regierung auch Panzer an Diktaturen verkaufen, weil die Waffenschmieden für die Aufträge des Bundesheeres zu groß waren.“