Wenn man nicht mehr weiß, wie man die Lebensmittel für die Familie bezahlen soll – das ist eines vom Schlimmsten, was einem zustoßen kann, sagt der Direktor der Caritas OÖ, Mathias Mühlberger. Die Caritas hat mit immer mehr Menschen zu tun, die vor solchen Problemen stehen. Am kommenden Sonntag bittet die Caritas bei der Elisabeth-Sammlung um Unterstützung für ihre wachsenden Aufgaben. Die gegenwärtige Krise sei eine Chance, Solidarität und Menschenwürde wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
„Ich könnte manchmal wirklich schreien“
Über Nacht sind dreistellige Milliardenbeträge für die Stützung der Banken selbstverständlich. Es kann nicht sein, dass die Lebensrisken wie Krankheit privatisiert werden und die Stützung des Finanzsystems verstaatlicht wird.
Die Aufgaben für die Hilfsorganisationen steigen – alleine um 35 Prozent haben bis September die Unterstützungsleistungen der Caritas für Energiekosten zugenommen. Und gleichzeitig geht das Spendenaufkommen in wirtschaftlich kritischen Zeiten zurück. Woher will die Caritas das Geld nehmen? Caritasdirektor Mathias Mühlberger: Wir haben keinen Plan B, was wir tun, wenn die Spenden weniger und die Aufgaben mehr werden. Denn zunächst müssen wir nachdrücklich darauf aufmerksam machen, dass die Solidarität der Menschen Not wendend ist. Längerfristig können wir selbstverständlich nicht Gelder ausgeben, die wir nicht haben. Dann müssen wir neuerlich unsere Prioritäten anschauen. Ich habe aber ein großes Grundvertrauen, dass die Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher die Armen nicht hängen lassen. Die Ärmsten haben die teuersten Wohnungen, und sie haben die am schlechtesten isolierten Wohnungen. Wenn ich so unmittelbar mit den Tragödien konfrontiert bin, könnte ich manchmal wirklich schreien. Als Caritas müssen wir Solidarität stiften. In einer Welt, die auf Konkurrenz ausgerichtet ist und es darum geht, schneller, besser als andere zu sein, heißt Solidarität die Logik umkehren.
Als Organisation, die sich den Armen zuwendet, sind Sie auch mit der Frage konfrontiert: Warum sind Menschen arm? Das ist eine politische Frage. Wie sehr treten Sie der Politik auf die Zehen? Mühlberger: Die Caritas spricht immer wieder mit Politikern. Es sind ja politische Maßnahmen notwendig. Etwa bei den Wohnkosten. Diese müssen bei der Zuerkennung von Unterstützung berücksichtigt werden. Das gilt besonders auch für die Energiekosten. Sie müssen sich auf die Wohnbeihilfe auswirken.
Was ist die erste Aufgabe der Caritas? Mühlberger: Es ist bisher nicht gelungen, Österreich als sehr reiches Land armutsfest zu machen. Weltweit wirken die gleichen Mechanismen. – Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die Krise trifft vor allem die Ärmsten. Da ist es unsere erste Aufgabe, alles zu tun, dass diese Menschen nicht hungern müssen, Licht in der Wohnung haben, und dass sie heizen können.
Es ist bisher nicht gelungen, Österreich armutsfest zu machen, sagen Sie. Im Wort „bisher“ liegt Hoffnung. Was hoffen Sie? Mühlberger: Ich hoffe sehr, dass die bereits ausverhandelte Grundsicherung kommt. Das wäre ein guter Schritt Richtung Existenzsicherung. Es gibt in Oberösterreich eine ganze Reihe von Maßnahmen, die durchaus zu würdigen ist, etwa das Chancengleichheitsgesetz oder das Behindertengesetz. Bei der Armutsbekämpfung sehe ich aber Handlungsbedarf. Für mich ist es seltsam – ich habe Stunden um Stunden Gespräche auf politischer Ebene mit Vertretern der verschiedensten Parteien zur Grundsicherung geführt. Dabei wurden mir im Wesentlichen zwei Einwände genannt – Zweifel, ob die Grundsicherung wirksam Armut bekämpfen kann und ob sie finanzierbar ist. Dann sind über Nacht dreistellige Milliardenbeträge für die Stützung der Banken selbstverständlich gewesen. Da wird Wertigkeit gezeigt. Mir ist schon klar, dass das Finanzsystem abgesichert werden muss. Es kann aber nicht sein, dass die Lebensrisken wie Krankheit privatisiert werden und die Stützung des Finanzsystems verstaatlicht wird.
Christoph Leitl, Chef der Bundeswirtschaftskammer, schlägt vor, der Staat solle – wie den Banken – auch jenen Betrieben, die in Schwierigkeiten kommen, durch Garantien helfen. Das könnte auch für Sozialorganisationen wie die Caritas gelten – dass sie der Staat wirksamer unterstützt. Mühlberger: Eine Mindestforderung, für die es aus allen Parteien positive Signale gibt, ist die Absetzbarkeit der Spenden. Ich hoffe sehr, dass sie Wirklichkeit wird. Sonst würden die Parteien im Wahlkampf wieder etwas gesagt haben, was sie in der Realität nicht halten.Zielsetzung müsste eine Politik sein, die die Existenz der Bürger sichert und die Notwendigkeit von Hilfsorganisationen reduziert. Es müsste eine Politik sein, die das Engagement einzelner und von Organisationen fördert, verstärkt sowie entwickelt. Vielfach wird das in Sonntagsreden gewürdigt, in den Mühlen der Ebene lässt manchmal diese Unterstützung zu wünschen übrig.
Steckt im Wort „manchmal“ nicht, dass Sie häufiger positive Erfahrungen mit der Politik machen. Trifft das Ihre Einschätzung? Mühlberger: Ich erlebe eine große Bereitschaft der Landespolitik, Solidarität zu fördern und zu verstärken.
Ist es nicht logisch, dass die Landespolitik in Sachen Soziales offensiver als die Bundespolitik ist, weil der Bund ja viel eher die Konsequenzen zu tragen hat, denn die meisten Sozialausgaben sind Bundessache? Mühlberger: Schon, aber es gibt durchaus auch Landesaufgaben. Verbesserungen für die Betroffenen in diesem Bereich haben höhere Ausgaben des Landes zur Folge, siehe etwa das Chancengleichheitsgesetz. Außerdem sind die Länder Teil des Bundes, man kann daher nicht so trennen. Ich wünsche mir eine Politik, die einhellig die Notwendigkeit erkennt, die Armut zu bekämpfen, dass damit nicht tagespolitisches Kleingeld gemacht wird.
Sehen Sie neben den traditionellen Caritasthemen wie zum Beispiel Obdachlosigkeit und Behinderung neue Aufgabenstellungen für die Caritas? Mühlberger: Wir stellen immer wieder fest, dass Armut und Verarmung tief in die Mittelschicht hineinreicht und dass die gesellschaftliche Teilhabe klassifizierter Randgruppen wie Obdachlose, Asylwerber oder Haftentlassene, zunehmend schwieriger wird. Mich beschäftigt eine Grundsorge: Ich glaube, dass der Sozialstaat mit Blick auf die Zukunft neu buchstabiert werden muss: Was ist der Gesellschaft das Soziale wert? Hier sind auch die Kirchen gefordert, nicht nur die Politik, aber auch jede und jeder Einzelne. Denn was sollen wir Christen sein, wenn wir nicht Weltverbesserer sind. Weltverbesserer heißt, dass wir an einer Ordnung arbeiten, damit immer mehr Menschen die Möglichkeit haben, „anständig“ zu leben, wie man das im Volksmund ausdrücken würde.
„Sie schickt der Himmel“, sagte Frau M. am Ende eines Gespräches mit der Caritas-Sozialberaterin erleichtert. „Jetzt sehe ich wieder einen Hoffnungsschimmer in meinem miserablen Leben.“ Frau M. hatte in den letzten Jahren viele Schicksalsschläge erleiden müssen. Zuerst verlor sie ihre Arbeit, dann erkrankte sie an Krebs und jetzt sollte sie auch noch delogiert werden, weil sie Miete und Betriebskosten nicht mehr zahlen kann. Durch die Caritas-Beratung und eine finanzielle Überbrückungshilfe hat Frau M. wieder neuen Lebensmut gefasst; die Delogierung wurde abgewendet.
Hilfe für Caritas
„Spender sind Glücksengel“ ist das diesjährige Motto der Caritas-Elisabethsammlung, die wieder um den Tag der heiligen Elisabeth (19. November) durchgeführt wird. Die Caritas wünscht sich möglichst viele Glücksengel für Menschen in Not.