Ein ungewöhnlicher Lehrerfilm: 128 Minuten lang verlässt man im Schuldrama „Die Klasse“ das Schulareal nicht, 100 Minuten konfrontiert Regisseur Cantet die Zuseher/innen mit der oft anstrengenden Tätigkeit desUnterrichtens.
Der Lehrerfilm ist ein konservatives Genre, die Konstellationen, die in ihm dramaturgisch durchgespielt werden, sind allseits bekannt: Ein „guter“ Lehrer trifft auf ein korruptes System. Meist ist er wegen seiner ungewöhnlichen Lehrmethoden bei Kollegen und Vorgesetzten nicht sehr beliebt, schafft es aber, jeden noch so feindseligen Schüler auf seine Seite zu ziehen. Nun kommt ein Film in unsere Kinos, der dramaturgisch völlig andere Wege geht: Laurent Cantets Film „Die Klasse“. Wie schon seine ersten beiden Filme „Der Jobkiller“ (1999) und „Auszeit“ (2001) zeichnet auch dieses Werk die präzise Beobachtung eines Arbeitsfeldes aus, das schon zu oft idealisiert oder dämonisiert wurde. Entstanden ist „Die Klasse“ in Zusammenarbeit mit dem Lehrer Francois Bégaudeau. Auf seiner Romanvorlage basiert das Drehbuch. Bégaudeau, 37, Französischlehrer, spielt sich im Film selbst.
Verbale Reaktionen erwünscht. „Marin“ (so heißt Bégaudeau im Film) unterrichtet in einer Mittelschule im 20. Bezirk in Paris. 24 Schüler/innen im Alter von 14 Jahren in einer typischen multikulturellen Schule: 6 haben französische Namen, 7 sind maghrebinischen Ursprungs, weiters befinden sich noch 3 Chinesen, 2 Afrikaner, 2 Südamerikaner, 1 Türke, 1 Portugiese und 2 weitere Schüler, deren Ursprung unbekannt bleibt in der Klasse. Die globalisierte Welt in vier Wänden gewissermaßen. Was im Unterricht verhandelt wird, sind keine geringeren Themen als Demokratieverständnis, Zugehörigkeit, Verantwortung, Gleichheit, Identität. Die Konfrontation erfolgt über die Sprache. Immer wieder versucht der Lehrer die Schüler zum sprachlichen Agieren zu zwingen. Er provoziert, kritisiert, lobt und ironisiert – er will eine verbale Reaktion. Die bekommt er auch. Für die Schüler/innen, die sich anders artikulieren als der weiße, kleinbürgerliche, gebildete Lehrer, wird die Sprache zur Waffe der Verteidigung und der Attacke.
Kein Privatleben. Cantet hat die verbalen Auseinandersetzungen mit drei hoch auflösenden Videokameras immer von einer Seite des Klassenraums aus gefilmt: den Lehrer links, die Schüler/innen rechts. Der Raum saugt einen förmlich auf, in ihm ist das ganze Leben. Es gibt kein Außen, kein Privatleben. Wer das letzte Wort hat, hat gewonnen.
Kein Platz für Helden. Die Klasse zeigt in schonungsloser Direktheit den Schulalltag, der aus Höhen und Tiefen besteht. Weder auf Lehrer- noch auf Schülerseite ist Platz für Helden. Man versucht sich zu arrangieren. Eines jedoch wird deutlich wie in keinem Lehrerfilm bisher: Die Welt der Schule ist ein abgeschlossenes System, das einen Mikrokosmos schafft, der sich selbst genügt und künstlich eine Gemeinschaft kreiert, die außerhalb der Mauern nicht existiert.
Nichts gelernt. Das Scheitern zeigt sich am Ende völlig unspektakulär in vier Wörtern, die eine bis dahin unauffällige, eigentlich nicht existierende Schülerin dem Lehrer Marin ins Gesicht schleudert: „Ich habe nichts gelernt.“ Die letzte Einstellung zeigt einen leeren Klassenraum, in dem nun das Schweigen herrscht.