In der Ökumene geht nichts mehr weiter, beklagen die einen. Andere wiederum betonen, dass man das eigene Kirchenprofil wieder stärker herausstreichen müsse. „Die Ökumene braucht dringend eine Neubesinnung“, fordert der Salzburger Kirchengeschichtler Dietmar Winkler.
„Es ist nicht wahr, dass in der Ökumene nichts mehr weitergeht. Aber gemessen an dem, was nach der Gründung des Weltkirchenrates vor 50 Jahren und dem Ende des II. Vatikanischen Konzils (1965) an Aufbrüchen und Fortschritten im ökumenischen Miteinander erzielt werden konnte, kann heute schon der Eindruck von Stillstand entstehen“, meint Dietmar Winkler. Deshalb habe sich der Päpstliche Rat für die Förderung der Einheit der Christen auf seiner letzten Vollversammlung im Dezember auch eingehend mit dem Ertrag bisheriger Dialoge und der Zukunft der Ökumene befasst, berichtet Winkler, der zum ersten Mal als theologischer Experte an den Beratungen teilgenommen hat.
Abschotten statt öffnen. Für die Krise in der Ökumene sieht Winkler mehrere Gründe. „Nachdem es in den ersten Jahrzehnten der Ökumene gelungen sei, viele Hürden und Vorurteile im Miteinander der Kirchen abzubauen und in wichtigen theologischen Fragen (Christologie, Rechtfertigungslehre u. a.) hinreichende Übereinstimung zu erzielen, geht es jetzt bei den noch offenen Fragen um das ,Eingemachte‘. Und dabei müssten nicht nur theologische Unterschiede bearbeitet werden, es gehe auch um die viel schwierigeren Fragen des gewachsenen Selbstverständnisses der Kirchen. Und gerade in dieser heiklen Phase, in der eigentlich neuer Mut gefragt wäre, tun sich zunehmend Störfelder auf. So etwa gebe es in verschiedenen Kirchen eine wachsende Angst, die Ökumene könnte die eigene Identität, das, was das spezielle Profil der jeweiligen Kirche ausmacht, schwächen. So etwa hätten kleinere Kirchen Angst, von der liebevollen katholischen Umarmung erdrückt zu werden.“ Für noch bedenklicher hält Winkler aber das Zunehmen neokonservativer Strömungen, für die die Betonung der eigenen Konfessionalität wichtiger ist als die ehrliche Suche nach der Einheit. „Diese Gruppen stecken dann die Identität der eigenen Kirche so eng ab, dass ich mich im Fall meiner Kirche frage, ob ich da noch katholisch bin.“ Es sei nicht verwunderlich, dass gerade von diesen neokonservativen Strömungen heute jene Bereiche besonders in Frage gestellt werden, die etwa Kardinal König immer als zentrale Errungenschaften des Konzils bezeichnet hat: Den Aufbruch der „europäischen“ Kirche zur Weltkirche, den Aufbruch in die Ökumene, die neue Sicht der Laien mit eigenständiger Sendung und Berufung und das neue Verhältnis zu den anderen Weltreligionen.
Krisen. Ein weiteres Problem für die Ökumene seien die zum Teil erheblichen Spannungen in verschiedenen Partnerkirchen, mit denen man im Dialog stehe. Konkret nennt Winkler die Anglikaner oder die orthodoxen Kirchen. „Für die ist dann erst innerkirchliche Ökumene wichtiger als der Dialog mit anderen.“ Außerdem bestehe die Gefahr, dass man von Streitparteien vereinnahmt werde, die z. B. nach Rom gehen, um dort Unterstützung – etwa gegen die Weihe von Frauen – zu bekommen. Da müsse man aufpassen.
Ethik. Ein neues Problem sei, dass neben den bisher üblichen theologischen Grundsatzfragen immer mehr ethische Themen (Biomedizin, Lebensschutz, Geschlechtergerechtigkeit etc.) in den ökumenischen Dialog hineingetragen werden. „Und da gehen die Positionen oft quer durch die Konfessionen“, meint Winkler. So etwa war für evangelikale Freikirchen Papst Johannes Paul II. wegen seiner ethischen Positionen geradezu eine christliche Speerspitze, während nicht wenige Katholiken damit Probleme hatten. Derzeit suche der Einheitsrat noch nach Wegen, wie man mit diesen neuen Fragen umgehen könne.
Zur Sache
Bei der Bildung hapert es
„Wir brauchen eine neue Anstrengung in der ökumenischen Bildung und Erziehung. Da hapert es hinten und vorne“, sagt der Salzburger Ökumeniker und Kirchengeschichtler Dietmar Winkler. Er erlebe das an der Universität, dass die jungen Leute nichts mehr wissen von dem gewaltigen Aufbruch, den das II. Vatikanische Konzil in der Kirche ausgelöst hat – bis in die Diözesen hinein (Synoden). Und er erlebe im ökumenischen Dialog einen Generationenwechsel. Die ambitionierte alte Generation tritt ab und die jungen Leute wissen oft gar nicht, was in den vergangenen 40 Jahren schon alles an Gemeinsamem erreicht worden ist.
„Deshalb brauchen wir eine neue ökumenische Erziehung – auf allen Ebenen bis in die Pfarren“, fordert Winkler. Nur dadurch könne man auch der allzu glatten ökumenischen Routine bzw. der ökumenischen Gleichgültigkeit vorbeugen. „Es scheint so, dass wir friedlich getrennte Kirchen sind. Und damit auch zufrieden sind“, zitiert Winkler die Kritik eines französischen Bischofs. „Wir können auf eine informierte und praktizierte Ökumene nicht verzichten“, meint Winkler. Der Blick auf andere Kirchen eröffne nicht nur zusätzliche Schätze, er hilft uns auch, mit der Vielfalt in der eigenen Kirche gut umzugehen und sie als Bereicherung zu empfinden. Und gelebte Solidarität der bzw. zwischen den christlichen Kirchen sei ein geradezu unverzichtbares Zeugnis in einer zunehmend egoistischeren Welt.