6. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B), 15. Februar 2009
Ausgabe: 2009/07, 6. Sonntag im Jahreskreis, Wunder, Heilung, Wort zum Sonntag, rein, unrein, Evangelium, Lesung, Aussätzige, Jesu Vorbild, Rumi, Regina Brandl
11.02.2009
Die Situation sehen, Mitleid haben, die Hand ausstrecken, den Menschen berühren, mit ihm oder ihr sprechen . . . all das geschieht vor der wundersamen Heilung des Aussätzigen durch Jesus. Bis auf den letzten Schritt kann das jede und jeder, der Jesu Vorbild folgen will, tun – und oft genug wär’ das eine oder das andere schon ein Wunder für die Ausgestoßenen dieser Zeit und Gesellschaft.
Evangelium
Mk 1, 40–45
Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein! Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein: Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein. Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so dass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überall her zu ihm.
1. Lesung
Lev 13, 1–2. 43ac. 44ab. 45–46
Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Wenn sich auf der Haut eines Menschen eine Schwellung, ein Ausschlag oder ein heller Fleck bildet, liegt Verdacht auf Hautaussatz vor. Man soll ihn zum Priester Aaron oder zu einem seiner Söhne, den Priestern, führen. [. . .] Der Priester soll ihn untersuchen. Stellt er [. . .] eine hellrote Aussatzschwellung fest, die wie Hautaussatz aussieht, so ist der Mensch aussätzig; er ist unrein. Der Priester muss ihn für unrein erklären; [. . .] Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! Solange das Übel besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.
2. Lesung
1 Kor 10, 31 – 11, 1 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden. Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.
Bitt’res
Durch Liebe ward das Bitt’re süß und hold, durch Liebe ward das Kupfer reines Gold, durch Liebe ward die Hefe rein und klar, die Liebe bot der Krankheit Heilung dar, durch Liebe wird belebet, wer entschlafen, durch Liebe werden Könige zu Sklaven . . . Die Liebe macht das tote Brot zur Quelle, macht ewig, die unvergängliche, die Seele.
Rumi, islamischer Mystiker
Wort zum Sonntag
Rein oder unrein?
Im Text der Lesung aus dem Buch Levitikus wird genau beschrieben, wie mit Aussätzigen umzugehen ist. Dabei kommt den Priestern die Aufgabe aber auch die Macht zu, einen Menschen für rein oder unrein zu erklären: „Der Priester muss ihn für unrein erklären.“ Erst danach, und das bedeutete damals auch einen Schutz, durfte ein Mensch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, da er ansteckend war. Für die Gemeinschaft war es wegen der Ansteckungsgefahr überlebensnotwendig, Aussätzige auszuschließen, sie zu isolieren.Und Jesus? Er dürfte bereits den Ruf gehabt haben, dass er sich auch der Aussätzigen annimmt. Wie sonst könnte der Aussätzige im Evangeliumstext so frech auf Jesus zugehen und ihn um Heilung bitten. „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.“ Wie in allen Heilungsgeschichten wendet sich Jesus dem Manne zu und berührt ihn! Er greift ihn an – einen, vor dem alle davonliefen, den alle mieden. Jesus greift ihn an und gebietet ihm: „Werde rein!“ Dann schickt er ihn weg, damit er sich den Priestern zeige und das Reinigungsopfer bringe. Erst jetzt wird der Mann wieder in die Gemeinschaft aufgenommen.
So weit so gut – uns betrifft das Problem des Aussatzes ja Gott sei Dank nicht. Oder doch?Wie rasch maßt sich jemand an, über einen anderen Menschen das Urteil zu fällen, ob er in die Gemeinschaft gehört oder nicht? Wie rasch sind auch wir bereit, jemanden auszuschließen? Wer sind bei uns die „Priester“, die über rein oder unrein entscheiden und sich so Macht über andere Menschen verschaffen? Sind es jene, die in gutem Glauben meinen, die Gesellschaft vor Unreinen schützen zu müssen, und das oft auch im Namen Gottes? Jesus zeigt uns einen anderen Weg: In der Berührung, in der Ansage „werde rein“ wird der Mensch rein, wird er Mitglied der Gemeinschaft. Jesus kehrt die Blickrichtung um. Nicht der Ausschluss ist Ziel seines Handelns, sondern die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft.
Zum Weiterdenken
Ich achte auf Situationen, wo Menschen ausgeschlossen werden.
Regina Brandl ist Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein in Innsbruck.