Musik gehört zum Menschen und berührt ihn unmittelbar. Nicht verwunderlich, dass Musik in vielen Bereichen zum Einsatz kommt. Vom Supermarkt bis zum Krankenhaus – Musik ist allgegenwärtig. „Alles, was eine Wirkung hat, hat aber auch eine Nebenwirkung“, sagt Dr. Franz Harnoncourt.
Welche Wirkung hat Musik auf den Menschen streng medizinisch betrachtet? Dr. Franz Harnoncourt: Musik beeinflusst den Herzschlag, die Muskel- und Hautspannung. Sie hat Auswirkungen auf den Stoffwechsel des Gehirns. Wie Musik wirkt, hängt auch davon ab, welche Art von Musik ich höre und welche Vorbildung ich habe. Eine bestimmte Musik – z.B. vertraute Musik, die Erinnerungen weckt, kann bei Alzheimer-Patienten positiv und heilsam wirken – zumindest kurzfristig. Entspannungsmusik wirkt anders als Heavy-Metal-Musik.
Musik wirkt unmittelbar. Es ist schwer, sich ihr zu entziehen. Welche Chancen und Gefahren sehen Sie da? Musik ist eine Droge. Sie ist verführerisch. Sie kann positiv, heilend oder missbräuchlich verwendet werden. Sie wurde z.B. besonders in totalitären Regimes zum Einsatz gebracht, um Menschen zu manipulieren. Musik als therapeutisches Mittel hingegen kann Heilungsprozesse vorantreiben. Die Dauerberieselung von Musik, wie wir sie in Supermärkten erleben, desensibilisiert. Das ist das Gefährliche. Das Problem ist: Die Augenlider können wir schließen, die Ohren haben leider keine Lider.
Immer wieder hört man, Musik macht bessere Menschen aus uns. Was sagen Sie zu dieser Behauptung? Musik fördert die geistigen, emotionalen phantastischen Fähigkeiten des Menschen. Es gibt auch Parallelitäten in der Entwicklung der intellektuell-logischen und der emotional-kreativen Fähigkeiten. Beim Erlernen eines Instruments kommt der soziale Umgang dazu: ich kommuniziere mit Menschen, ich lerne zuhören, auf jemand eingehen. Dennoch: Musik per se macht noch nicht einen guten Menschen. Es gibt das Paradoxon, dass KZ-Aufseher im Konzentrationslager Mozart aufspielen ließen – von KZ-Häftlingen. Das ist unerklärlich für mich.
Macht es einen Unterschied, ob ich Musik bloß höre oder auch selbst musiziere? Die medizinische Untersuchungen zeigen ein eindeutiges Bild: Es macht einen großen Unterschied, ob ich Musik nur höre oder auch selbst mache. Das Musizieren fördert z.B. die Verbindung der rechten mit der linken Gehirnhälfte. Das ist bei Computertomographien deutlich erkennbar. Wenn jemand z.B. Flöte spielt, lernt er nicht nur ein Instrument: auch die Kommunikation, die Auseinandersetzung mit Menschen und einer kulturellen Tradition wird dadurch beeinflusst.
Musik gehört zum Mensch-sein. Was bedeutet Musik für Sie? Musik ist die einzige Kunst, die nur im Augenblick existiert und trotzdem über uns hinauswirkt. Sie ist für mich die transzendenteste Kunst. Sie gehört für mich zur Grundidentität des Menschen. Wenn wir feiern, ist das ohne Musik undenkbar. Wenn eine Mutter ihr Kind tröstet, singt sie ihm etwas vor ... Ich finde es immer wieder spannend, wenn man sich auf das Wagnis einlässt, Musik für sich zu entdecken: aktiv zuzuhören, Musik nicht gleich als Therapeutikum einzusetzen, sondern sich damit auseinanderzusetzen, die Sprache der Musik zu erforschen.