Faschingssonntag – und wenige Tage darauf der Aschermittwoch. Der Fasching als „Fastnacht“ hat eine tiefe religiöse Wurzel. Soll Lebensfreude nicht in bloßer Ausgelassenheit verkümmern, dann braucht es die Besinnung auf den Grund aller Freude. Die Fastenzeit hilft dazu. Leidenschaften und Gefährdungen liegen eng beieinander.
Im frühen Mönchtum war der Umgang mit den Leidenschaften, mit den neun sogenannten „logismoi“, die Voraussetzung, richtig beten zu können und für Gott offen zu werden. Die Mönche betrachteten die Leidenschaften auf der einen Seite als eine Kraft, die dem Menschen dienen sollte, auf der anderen Seite auch als Gefährdung. Sie haben die Tendenz, den Menschen zu beherrschen und ihn von seinem wahren Wesen wegzuziehen.
Leidenschaften sind gut. Doch die Mönche bewerteten die Leidenschaften nicht. Sie sprachen vom Ringen mit den Leidenschaften. Das Ziel dieses Ringens war die „apatheia“. Das bedeutet aber nicht, dass die Leidenschaften abgeschnitten werden, sondern dass ich frei werde vom krankhaften Verhaftetsein an die Leidenschaften, dass ich die Leidenschaften in mein Leben und in meine Spiritualität integriere. Für Evagrius Ponticus, den wichtigsten Mönchsschriftsteller des 4. Jahrhunderts, ist die „apatheia“ identisch mit der Gesundheit der Seele und mit der Liebe. Nur wer gut mit seinen Leidenschaften umgeht, ist fähig wirklich zu lieben.
Von der Leidenschaft zum Laster. Im Laufe der Zeit wurde diese wertfreie Sicht der frühen Mönche immer mehr moralisiert. Statt von neun „logismoi“ sprach man von acht Lastern (tadelnswerte Angewohnheiten) und dann von sieben Todsünden (Übertretung von zentralen Geboten).
Der Begriff „Todsünde“. Doch der Begriff Todsünde ist sehr ambivalent. In der Theologie unterscheidet man lässliche und schwere Sünden. Die schwere Sünde oder Todsünde ist dann gegeben, wenn ich mich völlig frei und bewusst in einer zentralen Sache gegen Gott entscheide. Wenn die Tradition jedoch von den sieben Todsünden spricht, meint sie nicht den theologischen Begriff der Todsünde, sondern eher die Gefährdungen des Menschen. Sie hat sie auf sieben reduziert. Sieben ist ja eigentlich eine heilige Zahl. Die Tradition meint damit, dass der, der die sieben Gefährdungen überwindet, heil wird und ganz, dass er immer mehr verwandelt wird in die Gestalt Jesu Christi.
Die Verdunkelung Jesu. Die sieben Todsünden zeigen also die Verdunklungen der Gestalt Jesu in uns auf. Wenn ich in den sieben Wochen der Fastenzeit die sieben Todsünden betrachte, verstehe ich sie als Gefährdungen des Menschen. Anstatt zu moralisieren, möchte ich Hilfen anbieten, diese Gefährdungen zu erkennen und einen Umgang mit ihnen zu finden, der uns gut tut und in die Freiheit führt.