Kirche ist zurzeit ein Dauerthema in den Medien. Ist sie weltoffen und tolerant oder doch weltfremd und verschlossen? Der Film „Doubt“ nähert sich diesen Fragen auf differenzierte Weise.
Die medialen Reaktionen auf diesen Film sprechen für sich. Fast jede Filmkritik übernimmt in distanzloser, identifikatorischer Haltung die Sichtweise einer der beiden Hauptfiguren. Entweder man sympathisiert mit der konservativen, fundamentalistischen Auffassung der katholischen Nonne Aloysius Beauvier (Meryl Streep) oder tendiert zu der liberalen Position von Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman). Die Distanzlosigkeit verstellt wie immer den Blick auf die Inszenierung, die andere Zugänge ermöglicht. „Glaubensfrage“ (treffender Originaltitel: Doubt) beruht auf dem 2004 uraufgeführten Drama von John Patrick Shanley.
Konfrontation. Der Filmgeschichte ist 1964 in einer konfessionellen Schule in der Bronx situiert, wo die Nonne Aloysius als Direktorin ein strenges Regime führt. Ihr Gegenpart ist Pater Flynn, ein eloquenter Redner, dessen Predigten über Intoleranz und Zweifel die Pfarrgemeinde begeistern. Auf diesen Mann hat es die Nonne abgesehen. Die junge, naive Lehrerin Schwester James (Amy Adams) wird auf ihn angesetzt. Bald ergibt sich eine Gelegenheit, eine Kampagne gegen den Pater zu starten. Dieser kümmert sich in besonderer Weise um Donald, den einzigen schwarzen Schüler der Anstalt. Donald ist ständig Opfer böswilliger Attacken seiner Mitschüler. Eines Tages wird Donald von Flynn aus der Unterrichtsstunde abkommandiert und kommt nach einiger Zeit in besonders aufgewühlter Stimmung und mit einer Alkoholfahne in die Klasse zurück. Ein Unterhemd, welches Pater Flynn in den Spind von Donald zurücklegt, wird zum Katalysator einer kammerspielartigen Konfrontation zwischen Schwester Aloysius, die einen Fall von Pädophilie ahnt, und dem Geistlichen.
Machtkampf. Lange Zeit inszeniert Shanley diese Auseinandersetzung so, dass die liberale Haltung des sich verteidigenden Priesters überzeugt. Die Oppositionen werden klar, fast überdeutlich, visuell dargeboten. Das beginnt schon beim Kleidungscode: Die zugeschnürte, schmallippige und verhärmte Schulleiterin scheint allen Hass der Welt in sich aufzusaugen, während Pater Flynn im Trainingsanzug mit den Schülern Basketball spielt. Doch irgendwann machen sich Zweifel breit, weil der Pfarrer sich in Widersprüchen verstrickt und auch demonstrativ seine Machtposition in einer männlich bestimmten Institution auszuspielen versucht.
Der geschlossene Raum. Die ideologischen Systeme beider Kontrahenten beginnen sich im Kreis zu drehen, während außerhalb der Schul- und Kirchenmauern die Welt anders funktioniert. Eine Sequenz belegt mit Nachdruck die Weltabgewandtheit dieses geschlossenen Systems, in dem sich sowohl die Schwester als auch der Pfarrer bewegen. Es handelt sich um die Unterredung, die Schwester Aloysius mit der Mutter des schwarzen Jungen hat. Die Mutter sieht im möglichen Kindesmissbrauch das kleinere Übel, Hauptsache, Donald kann einen erfolgreichen Schulabschluss erreichen, der ihm eine bessere Zukunft eröffnet. Solch profane Haltungen bleiben für die Schwester undurchsichtig. Eine Kamerafahrt isoliert sie am Ende des Gesprächs auf der Straße, die Blätter fliegen ihr über den Kopf. Da draußen weht ein anderer Wind. Fazit: „Glaubensfrage“ ist ein unbequemer Film, weil er keine klaren Antworten gibt, aber eines sehr klar verdeutlicht: Hermetische Systeme funktionieren nur in totaler Abschottung von Fremdeinflüssen.