Zum Weltfrauentag am 8. März: Schlechte Arbeit ist besonders krisenanfällig
Ausgabe: 2009/10, Frauen, Anna Wall-Strasser, Zwischen Wischmopp und Laptop, prekäre Zeiten, Vollzeitjob, Teilzeitjobs, freie Dienstnehmer, neue Selbstständige, geringfügig Beschäftigte, Santa Precaria, Betriebsseelsorge, gute Arbeit, Christine Riegler, KSÖ, Welt
04.03.2009
- Hans Baumgartner
„Der Druck wächst, die Angst geht um. Die Anrufe in der Betriebsseelsorge haben in den vergangenen Wochen massiv zugenommen“, sagt Anna Wall-Strasser. Am meisten betroffen sind jene, die schon bisher unsichere Arbeitsverhältnisse hatten. Neben den Leiharbeitern sind das vor allem Frauen.
Helene ist gelernte Verkäuferin. Nach der Geburt zweier Kinder wollte sie nach relativ kurzer Zeit wieder arbeiten, bekam außer Regalbetreuung oder andere schlecht bezahlte Jobs keine Arbeit. Wegen ihrer Kinder war sie ja nicht flexibel genug auf Abruf einsetzbar. Jetzt arbeitet sie auf einer unsicheren Werkvertragsbasis als Produktwerberin in einem Supermarkt. Anna ist gut ausgebildet. Sie fand nach der Babypause keine Anstellung und arbeitet auf Projektbasis als Lektorin für Verlage. Wenn sie Arbeit hat, muss sie oft auch die Wochenenden durcharbeiten. Dann kommt wieder ein Loch. Wie bei Helene sind Zeit und Einkommen schwer planbar. Poldi arbeitet geringfügig beschäftigt als Putzfrau in einem Kaufhaus. Sie ist nicht pensionsversichert und hat keinen Urlaubsanspruch. Vergeblich versucht sie bei der Putzfirma mehr Stunden zu bekommen – aber so ist sie für den Dienstgeber billiger. Vroni arbeitet als Putzfrau, als Kindergartenbusfahrerin und als Servierhilfe, um über die Runden zu kommen. Ohne Oma ginge das nicht.
Unrecht. „Prekäre Arbeitsverhältnisse sind mit Ausnahme der Leiharbeit vor allem Frauensache“, sagt die Betriebsseelsorgerin Anna Wall-Strasser. „Das hat damit zu tun, dass Frauen immer noch eher als Dazuverdienerinnen gelten.“ Das zeige sich auch darin, dass Frauen bei Qualifizierungsmaßnahmen oft weniger gute Bildungsmöglichkeiten bekommen als Männer und rascher dazu gedrängt werden, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Auch bei Vollzeitbeschäftigung würden Frauen häufig schlechter entlohnt als Männer. „Das ist ein gesellschaftlicher Missstand, eine Unrechtssituation“, sagt Wall-Strasser. Diese werde noch dadurch verschärft, dass Frauen durch ihre familiären Betreuungsaufgaben der geforderten Flexibilität nicht entsprechen. Und so werde die von den Frauen für eine gewisse Übergangszeit gewünschte Teilzeitarbeit nicht selten zu einer Sackgasse, aus der sie nicht mehr herauskommen, auch wenn sie möchten. „Teilzeitarbeit bedeutet auch Teillohn und Teilpension – und damit für viele Frauen eine Armutsfalle“, meint die Betriebsseelsorgerin. Oft würden prekäre Arbeitsverhältnisse von Unternehmen auch deshalb gewählt, um – je nach Bedarf – verfügbare Arbeitskräfte zu haben. Gerade jetzt in der Krise merke man das, sagt Wall-Strasser. „Da geht die Angst um, vor allem bei denen, die atypische Arbeitsverhältnisse haben.“
Daten und Fakten
Prekäre Zeiten. Seit dem Jahr 2000 hat die Zahl der Vollzeitjobs um lediglich 4% zugenommen, die der geringfügig Beschäftigten (Einkommen bis 349,1 Euro im Monat) um 21%, der Teilzeitarbeitskräfte um 66%, der „neuen Selbständigen“ um 59%, der freien Dienstnehmer um 16% und der Leiharbeiter/innen um 101%. Frauen: 76% der prekär Beschäftigten sind Frauen. Bei Teilzeit beträgt der Frauenanteil 88%, bei geringf. Beschäftigung 74%, bei freien u. befristeten Dienstverhältnissen über 50%, bei Leiharbeit 13%.
Zur Sache
Prekäre Zeiten für Frauen
Der Großteil der in den vergangenen zehn Jahren in den westlichen Industriestaaten – auch in Österreich – geschaffenen neuen Arbeitsplätze sind keine klassischen Vollzeitbeschäftigungen. Die von der Wirtschaft geforderte Flexibilität führte zu einer rasanten Zunahme von atypischen und oftmals auch prekären Beschäftigungsverhältnissen. Neben geringem bzw. unregelmäßigem Einkommen, schlechter sozialer Absicherung und wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten sind atypische Arbeitsverhältnisse häufig auch durch einen Verlust an frei verfügbarer Zeit gekennzeichnet, sagt Christine Riegler von der Allianz für den freien Sonntag.
Zum Weltfrauentag am 8. März und dem Internationalen Tag des freien Sonntags am 3. März präsentiert die Katholische Sozialakademie gemeinsam mit der Sonntagsallianz ein Dossier mit dem Titel „Prekäre Zeiten für Frauen“. Grundlage dafür ist eine Enquete, die Mitte Oktober im Sozialministerium stattgefunden hat. Dabei haben die Sonntagsallianzen von Österreich, Deutschland und Polen vereinbart, sich verstärkt für mehr „Zeitgerechtigkeit“ einzusetzen. „Denn nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit, über die jemand verfügen kann, spielt für das eigene Leben und das der Familie etc. eine wichtige Rolle“, betont Riegler. „Da Frauen in erster Linie von der Ausweitung von Öffnungszeiten betroffen wären, wollen wir ganz bewusst den Blick auf ihre Arbeits- und Lebenssituationen richten.“