Hinschauen auf die Beziehung – auf das Trennende und das Verbindende
Ausgabe: 2009/10, versöhnt, Versöhung, Vater, Männer, Lebensberatung, Albert Feldkircher, Männerseminar
04.03.2009
- Albert A. Feldkircher, Männerberatung, Ehe- und Familienzentrum Feldkirch
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Aus der Praxis: Nicht wenige Männertragen ihrem Vater irgendetwas nach. Manchmal sind es einzelne Ereignisse, Demütigungen, Verletzungen. Manche Männer schleppen ein Grundgefühl von Wut oder Hass gegenüber ihrem Vater mit sich. Oft wurzelt dieser Hass in der Trauer über den Mangel an Kontakt und Liebe. Ein erster Schritt zur Versöhnung mit dem Vater – und damit mit sich selbst – ist das Hinschauen auf die eigene Beziehung mit dem Vater, auf das Trennende und das Verbindende. Reinhard hat das im Rahmen eines Männerseminars auf seine Art gemacht: er hat einen Brief an seinen Vati geschrieben.
Lieber Vati!
Bei dem Gedanken, dir einen Brief zu schreiben, ist mir sofort eingefallen: „Scheiße – wir haben zu wenig miteinander gesprochen.“ Das tut mir leid – nicht weh, aber leid – denn ich hätte gerne mehr über dich, eigentlich, von dir gewusst.
In unseren Ängsten, seien es deine, seien es meine, ist Vieles in Wortlosigkeit hängengeblieben. Ich hätte bei dir sicherlich Vieles über das Leben erfahren und lernen können, aber es war uns nicht möglich, darüber ins Gespräch zu kommen. Aber ich danke dir auch für die „Wortlosigkeit“. Ich kann sehen, dass diese auch ihre Qualität hat. Dadurch war ich, und bin es immer noch, aufgefordert, mit aller Aufmerksamkeit für mich zu schauen (...), wie ich in diesem Leben zurechtkomme und wie ich es anstelle, zu mir, zu meinen Aufgaben, zu meinen Fähigkeiten zu finden.
Wir haben lange nicht dieselbe Sprachegesprochen. Ich jedenfalls habe deine Sprache lange Zeit nicht verstanden, und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass du meine verstehen konntest. Das hat uns das Schweigen beigebracht, damit wir nicht mit dem Gefühl konfrontiert werden „nicht verstanden zu sein“.
Heute spüre ich das anders. Vielleicht, weil du nicht mehr hier bist. Ich kann und muss feststellen, dass es mir heute unheimlich leicht fällt, dir diesen Brief zu schreiben und mit dir in Kontakt zu treten. Ich spüre auch, dass du mir mit Aufmerksamkeit und Freude zuhörst und selbst begeistert bist, dass es uns endlich gelingt, auszusprechen, was uns bewegt, womit wir zu kämpfen haben, welche Unsicherheiten und Ängste dich und mich bewegen. Ich danke dir für dein Ohr, das du mir auftust, und ich danke dir für die Worte und den Segen, den du mir gibst. Ich bin dein Sohn, und dein Rat und dein Segen sind für mich wichtig.
Ich will meinen Weg weitergehen, und es ist auch ein gutes Stück von deinem Weg dabei, denn du hast ihn begonnen und mich auf diesen Weg gebracht. Vielleicht kann ich auch einige von deinen Sehnsüchten verwirklichen, das würde mich sehr ehren und mir viel Kraft, Zuversicht, Mut und Ausdauer bringen. Dein Herz für ein respektvolles Miteinander hast du mir, wenn auch zuweilen etwas versteckt, schon zu deinen Lebzeiten gezeigt.Ich danke dir für alles, was ich lernen durfte. Dein Sohn Reinhard
Dem ist wenig hinzuzufügen. Außer die Frage: „Was möchten Sie Ihrem Vater (noch) sagen?“