Vergangenheit und Gegenwart prallen in Geyrhalters Film „7915 km“ aufeinander. Der Film lädt ein zum bewussten Schauen.
„Die Europäer dürften nicht sehr viel Arbeit haben, sonst würden sie nicht sinnlos spazieren fahren.” – Die Aussage eines Afrikaners, der seine Sichtweise bezüglich der berühmten Paris-Dakar-Rallye kundgibt, kann als Resümee eines Filmes gelten, der sich auf ungewöhnliche Weise den komplexen Beziehungen Europas zu Afrika nähert.
Nikolaus Geyrhalter ist 2007 vier Monate lang den Spuren gefolgt, die von den Autos und Motorrädern im Sand hinterlassenwerden. „7915 km“, so auch der Titel des Filmes, beträgt die Strecke der Rallye, für die die Teilnehmer gerade mal zwei Wochen benötigen. Man kennt die spektakulären Panoramaaufnahmen aus dem Fernsehen, welche die unterschiedlichen Fahrzeuge zeigen, wie sie sich ihren Weg durch die Wüste bahnen. Die Orte, die an dieser Strecke liegen, und deren Einwohner bleiben im visuellen Abseits. Ihnen aber gilt das Interesse des österreichischen Dokumentarfilmers.
Rausch und Entschleunigung. Der Geschwindigkeitsrausch, der sich auch der Bilder bemächtigt, zerstört den Raum und damit die Wahrnehmung. Geyrhalter jedoch lässt sich Zeit. Seine frontal positionierte Kamera erzeugt tableauartige Ansichten, die eine Verortung der Menschen ermöglichen. Man begegnet dabei einem Mädchen in einem Dorf in Marokko, das lachend ein Ziegenkitz präsentiert, das sie „Rallye“ getauft hat. Soldaten in der Republik Sahara bewachen einen Wüstenabschnitt, der eine Grenze darstellen soll. Ein längst pensionierter mauretanischer Baggerfahrer muss noch immer arbeiten, um seine Familie ernähren zu können. Ein Kinobesitzer in Mali ärgert sich darüber, alte Pornofilme spielen zu müssen. Eine Senegalesin, die für die Rallye gearbeitet hat, führt den Filmemacher durch ihren Ort, während ein Polizist vor einem konfiszierten Schiffswrack einen Vortrag darüber hält, wie gefährlich die Emigrationsversuche vieler Afrikaner sind.
Bewusstes Schauen. Geyrhalter verweigert uns Bilder von den durch die Landschaft rauschenden Autos. Er entschleunigt aber nicht nur die physische Fortbewegung, sondern auch die Wahrnehmung. Die Cinemascope-Bilder der starren Kamera ermöglichen ein bewusstes Schauen. „7915 km“ ist darum auch ein Film über mediale Präsentationsformen. Das Primärmedium Mensch steht im Kontrast zu den neuen Medien. So erläutert ein Beduine seine verzweifelten erfolglosen Versuche, die Autofahrer auf die Unverlässlichkeit des GPS in der Wüste hinzuweisen. Eine Frau legt ein Handy beiseite und sagt, sie hätte jetzt keine Lust zu telefonieren. Der Filmvorführer spult den Film noch manuell unterstützt.
Vergangenheit und Gegenwart. Immer wieder prallt Vergangenheit auf Gegenwärtiges, wenn ein Heiler beispielsweise behauptet, dass viele Patienten wieder von der weißen Medizin zu traditionellen Behandlungsmethoden zurückkehren würden, weil diese oft mehr Erfolg versprechen. Am Ende jedoch ist Geyrhalters Film wieder ganz in der Gegenwart angekommen: Die Bilder, die die Überwachungskameras von europäischen Flugzeugen vor der Küste des Senegal von Emigrantenbooten liefern, demonstrieren den Zusammenhang von Medien und Politik auf beklemmende Weise.
- Am Freitag, 13. 3., um 20 Uhr ist im Moviemento, Linz, Premiere: Regisseur Nikolaus Geyrhalter wird anwesend sein.