Knapp die Hälfte der Bevölkerung liest in der Freizeit gerne Bücher, so lautet das Ergebnis der aktuellen OO. Kulturstudie. Buch-Neuerscheinungen aus Österreich werden ab sofort in der neuen Reihe „Literatur in der KirchenZeitung“ von Autorin Maria Fellinger-Hauer vorgestellt.
Die Bücherflut nimmt zu. Die neue Reihe will mit ausgewählten Tipps Orientierung bieten und das Hineinschnuppern in die Welt der Literatur erleichtern. Im Rahmen der Serie werden jeweils alle sechs Wochen mehrere Bücher vorgestellt. Die Auswahl trifft die Autorin der Serie, Mag. Maria Fellinger-Hauer. Dazu bietet die KirchenZeitung nach Möglichkeit Tipps für Lesungen und Literaturveranstaltungen an und lädt zu Autor/innen-Gesprächen ein.
- „Wie riecht das Leben?“ Nach einem folgenschweren Fahrradunfall ist der Geruchssinn des Ich-Erzählers für immer verschwunden. Angesichts der anderen, lebensbedrohlichen Verletzungen, die er bei dem Unfall erlitten hat, scheint ihm ein Leben ohne Geruchssinn zunächst eine durchaus annehmbare Perspektive. Erst nach und nach wird ihm die Tragweite bewusst. Es gibt fast keinen Lebensbereich, in dem ein fehlender Geruchssinn nicht eine schwere Beeinträchtigung wäre. Essen, Trinken, Sexualität, der Umgang mit Menschen allgemein wird anders, schwieriger. Das Gefühl für Nähe und Distanz gerät ins Wanken. Wie riecht Leben? Für den Erzähler wird diese Frage zur Obsession. Was Walter Kohl auf 238 Seiten hier erzählt, ist viel mehr als ein Bericht – wie der Untertitel lapidar aussagt – und viel mehr als die Autobiographie einer schweren Verletzung. Es ist eine vielschichtige, fesselnde, berührende und über weite Strecken auch sachlich informative Geschichte. Beeindruckend durch ihre Klarheit und Authentizität in der Beschreibung der Gefühlszustände und durch die reflektierte Distanz zu dem am eigenen Leib Erlittenen.
Walter Kohl, Wie riecht Leben? Bericht aus einer Welt ohne Gerüche, Zsolnay Verlag, Wien 2009, Euro 19,50.
- Cant läßt grüßen. Maria von Herbert, Tochter eines Bleiweißfabrikanten aus Klagenfurt, wendet sich im Jahre 1791 in ihrem Liebeskummer – ausgerechnet – an den großen Philosophen Immanuel Kant in Königsberg. Das ist historisch belegt. Der Autor weiß es von seinem Freund Rudolf Malter, einem früheren Präsidenten der Kantgesellschaft. Brandstetter macht daraus einen Roman, genau genommen einen Brief, den nicht der Philosoph, sondern sein eifriger, redseliger Assistent schreibt. Die Themen, die ihm einfallen, sind Legion. Ob sie das Problem der jungen Frau treffen, ist nicht so wichtig. Dem Briefschreiber nicht und auch nicht dem Leser. Die Sprache, die Brandstetter benutzt, ist die des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das kann er – und das Vergnügen, das er beim Schreiben offensichtlich hat, könnte sich auf die Leserin übertragen, wenn er auf die in Klammern gesetzte Übertragung eines jeden aus dem Lateinischen stammenden Wortes verzichtet hätte. Das stört den Lesefluss gewaltig. Das Lektorat hätte ihm das nicht durchgehen lassen dürfen. Abgesehen davon ein Brandstetter, wie man ihn kennt und mag. Vergnüglich und lehrreich.
Alois Brandstetter, Cant läßt grüßen, Roman,Residenz Verlag, St. Pölten – Salzburg 2009, Euro 21,90.
- Schneckenkönigin. Ein Buch, das bereits im Frühjahr 2009 erschienen und unbedingt zu empfehlen ist, sind die Erzählungen „Schneckenkönig“ der Linzer Autorin Eugenie Kain. Die meisten der neun kurzen Geschichten in dem Band spielen in Linz, aber nicht in den Zentren der Kulturhauptstadt, sondern am Rand, am Hafen, dort wo ein Dorf war, bevor die Industrie kam, im Schrebergarten der Großmutter oder dort, wo die Außenseiter leben. Eugenie Kain erweist sich hier wie schon in ihren früheren Büchern als große Beobachterin der kleinen Dinge.
Eugenie Kain, Schneckenkönig, Erzählungen, Otto Müller Verlag, Salzburg 2009, Euro 18,–.