Viele Männer müssen erst lernen, dass das, was sie fühlen, genauso wichtig ist wie Taten
Ausgabe: 2009/42, Günther Wurmhöringer, Beziehungleben, Sprache der Beziehung, Beratung, Männerberatung, Gefühle, Vorbild
14.10.2009
- Günther Wurmhöringer, Diplomsozialarbeiter und Gewaltberater.
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Aus der Praxis: Martin kommt ganz zerknirscht in die Beratung. Seine Frau droht, sich von ihm zu trennen. Ihm ist irgendwie bewusst, dass er seine Partnerin bei verschiedenen Gelegenheiten mit Worten verletzt, und das will er eigentlich nicht. Trotzdem passiert es ihm immer wieder, besonders wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Eigentlich weiß er gar nicht genau, wie es zu diesen Verletzungen kommt und wie er diese verhindern soll. Martin liebt seine Frau und er möchte sie nicht verlieren, im Gegenteil: Ihm liegt viel daran, die Beziehung zu verbessern. Martin hat seine Frau und seine Kinder auch nie geschlagen. Außerdem will er ein gutes Vorbild für die beiden gemeinsamen Kinder sein. Er ist ratlos. Er macht bereits alles für die Familie und stellt auch seine eigenen Bedürfnisse hintan, doch es funktioniert nicht. Er holt sich Hilfe in der Männerberatungsstelle.
In seinem Beruf als Techniker ist Martingewohnt, Probleme klar und sachlich zu analysieren und zu lösen. Mit seiner Partnerin macht er die Erfahrung, dass das zu Eskalationen führt.
Im Beratungsgespräch lernt Martin, wie wichtig es für ihn ist, seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen und vor allem auch mitzuteilen. Die bloße Sachinformation genügt nicht, der Beziehungsaspekt ist mindestens genauso wichtig. Martin bekommt ein Handwerkszeug, wie er das Gespräch mit seiner Frau erfolgreicher gestalten kann.
Schwache Gefühle. Er lernt, seine Gefühle als Information für sich zu nutzen. Indem er seine Gefühle genauer wahrnimmt und die richtigen Worte dafür findet, kann er seine Bedürfnisse klarer formulieren und richtig handeln. Vor allem geht es darum, Gefühle von Interpretationen und Abwertungen zu unterscheiden. So genannte „schlechte“ oder „schwache“ Gefühle, wie Enttäuschung, Unsicherheit, Verzweiflung und Scham, kann er dann annehmen, ohne sich dafür abzuwerten.
<Thema „Geld“. In einem Gespräch beklagt Martin, dass seine Frau Druck auf ihn ausübe: Sie habe kein Geld mehr, um Schuhe für die Kinder zu kaufen. Bei genauerer Betrachtung erkennt Martin, dass das Familieneinkommen ungerecht verteilt ist. Das Thema „Geld“ hat er mit seiner Partnerin nicht geregelt. Insgeheim schämt er sich dafür. Es zeigt sich, dass der verspürte Druck eigentlich von ihm selber kommt. Diese Information ist für ihn hilfreich, denn sie liefert ihm die Energie, das Problem zu lösen.
Neue Nähe. Im Ausprobieren neuer Formulierungen kann er seiner Partnerin mitteilen, wie er fühlt, was ihm wichtig ist und wie er zu ihr steht. Er ist überrascht, wie sich der Kontakt zu seiner Frau intensiviert und mehr Nähe spürbar wird. Das Aushandeln von Alltagslösungen wird leichter. Er merkt, wenn er überlastet ist und sich zurückziehen will. Wenn ihn eine Äußerung seiner Frau kränkt, kann er mit seiner Aufmerksamkeit bei sich bleiben und sich mitteilen, ohne in den Gegenangriff zu gehen. Damit kann er Eskalationen vermeiden. Martin erlebt, wie er lebendiger wird und Konflikte mit seiner Partnerin fair lösen kann.
Beratung und Information: BEZIEHUNGLEBEN.AT, Tel. 0732/77 36 76