Ausgabe: 2009/43, Mutmacher, Hemmnisse, Apostelkonzil, Wien, Andrea Geiger, Stephansdom, Regina Polak, Apostelgeschichte 2010, Charismen, Hirtelbrief,
21.10.2009
- Hans Baumgartner
Vom 22. bis 24. Oktober findet im Stephansdom ein „Apostelkonzil auf wienerisch“ statt. 1200 Delegierte aus den Pfarren, diözesanen Einrichtungen, Orden und neuen Bewegungen werden daran teilnehmen.
Zu Pfingsten 2008 hat Kardinal Christoph Schönborn mit einem Hirtenwort zum diözesanen „missionarischen“ Projekt „Apostelgeschichte 2010“ eingeladen. „Ziel dieses Prozesses ist die Sammlung und Sendung“, sagt die Koordinatorin Andrea Geiger. Die Kirche brauche von Zeit zu Zeit solche Ver-Sammlungen, damit „wir – ähnlich wie das auf dem Apostelkonzil geschehen ist – miteinander beten und einander stärken und ermutigen, damit wir gemeinsam in den Blick nehmen, woraus wir leben und was zu tun ist. Dazu gehört auch, dass wir miteinander kontroverse Meinungen offen austragen (siehe Paulus und Petrus) und darum ringen, wie wir die Botschaft Jesu heute verkündigen (Sendung).“
Offen reden. Seit dem Hirtenbrief wurde die Thematik in vielen regionalen Konferenzen und Pfarren diskutiert. Die erste Diözesanversammlung dient vor allem der Vergewisserung und Bestandsaufnahme. Mit den Fragen „Was und wen verkünden wir?“ und „Warum verkünden wir?“ soll zunächst das angesprochen werden, „was uns verbindet und gemeinsam trägt. Auf dieser Basis“, so Geiger, „soll in einem weiteren Schritt aber auch das ehrlich auf den Tisch kommen, was uns daran hindert, das zu tun – persönlich, aber auch strukturell. Was ich in den letzten Monaten so gehört habe, wird da sicherlich sehr offen gesprochen werden, sowohl was die positiven, ermutigenden Erfahrungen betrifft, als auch, was an Sorgen und Nöten da ist, etwa was den Priestermangel angeht oder die Seelsorge für Menschen mit gescheiterten Beziehungen. Ich hoffe, dass es uns gelingt, einander gut zuzuhören und wohlwollend die Meinung anderer aufzunehmen. Wenn wir das schaffen, dann halten wir auch Differenzen und unterschiedliche Antworten aus“, verweist Geiger auf den Salzburger Delegiertentag des „Dialogs für Österreich“. „Für mich waren diese drei Tage eine der schönsten und intensivsten Kirchenerfahrungen, weil hier wirklich zu spüren war, wie Menschen aus der ganzen Bandbreite der Kirche ernsthaft und respektvoll miteinander gerungen und diskutiert haben, aber auch miteinander gebetet haben – verbunden durch den gemeinsamen Glauben und das gemeinsame Bemühen um die Sendung der Kirche in der Welt von heute.“
Zeit nehmen. Aus der Enttäuschung darüber, was nach dem Dialog geschah, verstehe sie auch die Skepsis bei nicht wenigen engagierten Leuten, was das Projekt „Apostelgeschichte 2010“ angehe. „Auch deshalb“, so Geiger, „nehmen wir uns mehr Zeit, damit aus diesem gemeinsamen Hinhören, Reden und Beten so etwas wie eine neue Erfahrung wachsen kann – das Volk Gottes gemeinsam unterwegs. Denn“, so Geiger, „in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich in der Kirche viel lähmendes Nebeneinander und verstörendes Gegeneinander aufgebaut.“ In zwei weiteren Diözesanversammlungen soll daher die „Bestandsaufnahme“ weitergeführt und auf Zukunftsperspektiven hin geöffnet werden. Dazwischen sind die Pfarren und Einrichtungen eingeladen, bei einer „Missionswoche“ mitzumachen. „Da geht es nicht nur darum, mehr oder weniger große Projekte wie Kontaktwochen etc. zu organisieren. Das soll auch ein Anstoß sein, unsere normale Arbeit daraufhin anzuschauen, wieweit etwa in der Verkündigung, in der Sakramentenvorbereitung, in der Begleitung von Trauernden oder in unserer Sorge für Ausgegrenzte die missionarische Sendung, von der Frohen Botschaft Zeugnis zu geben, zum Ausdruck kommt.“
Das Zitat
Einen Raum geöffnet
Mission ist eine Grunddimension christlichen Glaubens – nicht nur in Zeiten sich leerender Kirchenbänke. Daran erinnert der ganze Prozess „Apostelgeschichte 2010“. Bei aller vorhandenen Skepsis und kritischen Distanz zeigt die hohe Beteiligung, dass die Gläubigen dies verstanden haben, neugierig und offen dafür sind. Indem der Erzbischof von Wien einen solchen Raum eröffnet, tut er das, was er von Amts wegen tun „muss“: Er leitet. Er spannt einen Raum auf, in dem die Gläubigen ihre Charismen und Erfahrungen, Fragen, Sorgen, Freuden und Nöte, Kritik und Ermutigung einbringen können.
Wenn der Erzbischof in seinem Hirtenbrief Frauen, Männer und Jugendliche danach fragt, worüber sie „unmöglich schweigen können (Apg 4, 20), wenn er sie einlädt, gemeinsam über die zeitgenössischen Dimensionen des Glaubens nachzudenken, dann ist das mutig. Denn wer fragt, geht das Risiko ein, nicht nur erwünschte, sondern auch unerwartete, unangenehme, kritische Antworten oder gar Rückfragen zu bekommen.
Die Versammlung zielt nicht auf rasche und unmittelbare Ergebnisse. Das ist ihre Stärke – und ihr Risiko. Fragen können gestellt werden, für die es nicht sofort Lösungen gibt. Das verlangt De-Mut und Lang-Mut von allen, aber auch einen Bischof und eine Projektleitung, die die Ergebnisse transparent sichern und verantwortungsbewusst damit umgehen.