Film „Il divo“ (Der Göttliche): Paolo Sorrentinos meisterhafte Studie über Macht und Politik
Ausgabe: 2009/43, Kino, Film, Vorauer, Il divo, Der Göttliche, Filmkritik, Macht, Politik, Sorrentino, Andreotti, Pecorelli, Berlusconi
21.10.2009
- Markus Vorauer
Die Biographie eines ganzes Landes stellt Regisseur Sorrentino mithilfe einer Personenstudie dar. Er rückt den Politiker Giulio Andreotti ins Zentrum seines Films „Der Göttliche“. Und bringt damit auf die Leinwand, was den Nährboden für die heutige italienische Politik unter Berlusconi bildet.
Es gibt viele Beichtszenen in diesem Film. Eine ist besonders aufschlussreich: Der Priester zitiert einen einflussreichen italienischen Journalisten und konfrontiert den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti mit folgender Aussage: „In der Kirche sprach De Gasperi mit Gott, Andreotti spricht mit dem Priester.“ Die lapidare Antwort des christdemokratischen Politikers spricht für sich: „Priester wählen, Gott nicht.“ Dieser Satz bündelt eigentlich jene Haltung, die für diesen stilprägenden Politiker charakteristisch ist und die heute für ganz Italien Gültigkeit hat. Gleichzeitig verweist er auf den moralischen Niedergang einer Partei, die die politischen Geschicke eines Landes über 40 Jahre bestimmt hat, deren christdemokratische Gesinnung aber immer mehr zu einer Fassade ver-kommen ist und die indirekt den Aufstieg Berlusconis ermöglicht hat.
Kluges Taktieren. Giulio Andreotti wurde 1946 vom damaligen Parteivorsitzenden der Christdemokraten, Alcide De Gasperi, einem ausgesprochen moralischen, integren Politiker, in das politische Leben eingeführt. Bis 1992 war Andreotti siebenmal Ministerpräsident und führte sieben Ministerien. Seine politische „Leistung“ bestand in geschickter Verwaltung und vor allem in klugem Taktieren auch mit politischen Gegnern. Sorrentino konzentriert sich auf die letzte Regierungsperiode Andreottis, die 1992 endete und 1995 in die gegen ihn geführten Prozesse wegen mafioser Kontakte führte. Andreotti wurde von allen Anschuldigungen freigesprochen. Es habe wohl Kontakte zur Mafia gegeben, aber die seien verjährt. Nur erzählt Sorrentino die Ereignisse nicht chronologisch, sondern über eine ausgetüftelte Montage, die jene Ereignisse bündelt, für die Andreotti (wahrscheinlich) verantwortlich war, die ihm aber nie wirklich nachgewiesen werden konnten: die Ermordung des Journalisten Mino Pecorelli oder der mysteriöse Tod des Präsidenten der Vatikanbank Roberto Calvi und dergleichen mehr. In einer beeindruckenden Sequenz gegen Ende des Films fährt die Kamera in einem Friedhof an den Kreuzen vorbei, die als steinerne Symbole die Bilanz einer Politik bezeugen, die jegliche moralische Basis verloren hat.
Macht und Einsamkeit. Andreotti ist in Sorrentinos Film ein Untoter, der alle überlebt hat, wie er selbst einmal im Film stolz behauptet. Man sieht den Protagonisten in seiner abgedunkelten Wohnung auf- und abgehen, von der Migräne zur Schlaflosigkeit verdammt, oder auf menschenleeren Straßen, von Leibwächtern bewacht, wie ein Gespenst umherirrend. In diesen Sequenzen wird besonders deutlich, dass man für die Macht den hohen Preis der Einsamkeit bezahlen muss. Andererseits belegt die räumliche Verortung auch, dass diese Figur einfach nicht zu „fassen“ ist. Als unbewegter Beweger zieht sie aus dem Off die politischen Fäden. Was „Il Divo“ aber, weit über seine stilistischen Finessen hinaus, zum wichtigsten politischen Film der letzten Jahre macht, ist die Tatsache, dass Sorrentino eigentlich den Nährboden der aktuellen italienischen Politik visualisiert.