Der Beginn besticht durch eine betörende visuelle Aussagekraft. In extremer Zeitlupe, die die Schwarzweiß-Bilder fast wie Fotografien wirken lässt, wird jenes folgenschwere Ereignis präsentiert, das den ganzen Film bestimmen wird: Der Tod eines Kindes und die unbewältigte Trauer führten in die Zerstörung.
In Form einer alternierenden Montage sieht man, wie sich ein Mann und eine Frau leidenschaftlich lieben, während der Sohn des verheirateten Paars auf ein Fensterbrett klettert und schließlich abstürzt. Dazu ertönt in perfekter rhythmischer Abstimmung die Arie „Lascia ch´io pianga mia crude sorte“ (Lass mich mein grausames Schicksal beweinen) aus Händels Rinaldo. Abrupt ist der Übergang in Farbe und damit in eine Geschichte, die in ihrer Konzeption eine Zumutung ist.
Depression nach Tod des Kindes. Der Tod des Kindes löst bei der Frau (Charlotte Gainsbourg) eine tiefe Depression aus. Ihr Mann (Willem Dafoe), der Psychotherapeut und von sich selbst sehr überzeugt ist, bewirkt eine vorzeitige Entlassung aus der Klinik, wo sie behandelt wird, weil er glaubt, dass er sie besser heilen kann. Aus diesem Grund ziehen sie sich in eine verlassene Hütte in einem Wald zurück. „Der Wald ist ein Verwandlungsraum, in dem die Psyche der Menschen unheimlichen Veränderungen unterworfen ist“, schreibt Kerstin Ekman in ihrer monumentalen kulturgeschichtlichen Studie über den Wald, und genau das passiert mit dem Ehepaar an diesem unheimlichen Ort, der im Film Eden heißt, aber mehr der dantesken Hölle ähnelt. Lange, quälende psychotherapeutische Sitzungen führen sie und ihn immer tiefer in seelische Abgründe mit zerstörerischen Folgen. Die Frau, die übrigens an einer Studie über Hexenverfolgungen arbeitet, wird immer obsessiver, was sich vor allem auf ihre sexuelle Begierden auswirkt. „Antichrist“ ist gerade, was die explizite Darstellung perverser sexueller Gewalt betrifft, die Summe des Filmschaffens von Lars von Trier, das von jeher um krankhafte Besitzergreifung und Kontrollverlust kreist.
Trauer führt zur Selbstzerstörung. Die Trauer um den Verlust des Kindes führt zur Selbstzerstörung des Paars, die von der Frau ausgeht und den Film schließlich endgültig aus der Bahn wirft. Psychodrama, Horrorfilm, Märchen (irgendwann beginnt auch ein Fuchs zu sprechen!): Lars von Trier hat einen kruden Genremix kreiert, der gegen Ende nur noch auf immer drastischere Schockeffekte setzt.
Filmwarnung. Vor den letzten 30 Minuten muss ausdrücklich gewarnt werden, weil der Regisseur seinen Gewaltfantasien freien Lauf lässt, was durchaus das Empfinden mancher Zuschauer/innen verletzen kann. Außerdem kann der Regisseur nicht vom Verdacht freigesprochen werden, eine philosophisch-theologisch brisante Thematik – Worin liegt der Ursprung des Bösen? – an die Esoterik verraten zu haben. Die abschließende Widmung an den großen russischen Filmregisseur Andrej Tarkowskij wirkt lachhaft angesichts eines Films, der sich nicht zwischen einer Ehestudie im Stil des späten Bergman, einer dramatischen Konzeption, die an Bertoluccis „Letzten Tango von Paris“ erinnert, und mittelalterlicher Schauerromantik entscheiden kann.