Kein Kirchengesetz hat es ihm nahegelegt. Kein Pfarrer, schon gar kein Bischof hat ihn gedrängt. Enzykliken gab es noch nicht. Der Moment, in dem Martin von Tours den Entschluss fasste, den Bettler nicht in der Kälte sitzen zu lassen, sondern seinen Mantel zu teilen – dieser Moment hat sich ins Gedächtnis des Christentums gegraben. Darauf, sagt man, kommt es an.
Doch da sind viele, die sich ihre Motivation von oben erwarten: wie die Entscheidungen der Kirchenleitung aussehen, welche Bischöfe es gibt und wofür der Papst steht – und dass vom Kirchenrecht her alles passt. Nicht wenige haben sich entmutigen lassen – aus Gründen wie diesen. Hätte Martin nur nach oben geschaut, er hätte den Bettler da unten übersehen. Selbst in dunklen Zeiten, unter schlechtesten Voraussetzungen, haben Christen oft die faszinierendsten Zeugnisse abgelegt. Martin zum Beispiel, als er den Mantel teilte. Darauf kommt es an, auch in der Kirche von heute. Ob sich nicht so mancher vorschnell davon entbindet und meint, weil „da oben“ nicht alles nach seiner Vorstellung ist, entbinde ihn das von der eigenen Aufgabe als Christ? Kirche lebt aus eigenem Gewissen.