Moschee und Minarett: Ein beispielgebendes Verfahren in Bad Vöslau
Ausgabe: 2009/45, Moschee, Kulturzentrum, Christoph Prinz, Bad Vöslau, Kaya Lana, Minarette,
04.11.2009
- Hans Baumgartner
Eine türkische Moschee mit zwei 25 Meter hohen Minaretten – in Bad Vöslau gingen die Wogen hoch. Bürgermeister Christoph Prinz suchte einen Weg – keinen billigen Ausweg. Vergangene Woche wurde das neue Kulturzentrum mit Moschee eröffnet.
Als vor drei Jahren in Bad Vöslau bekannt wurde, dass der türkische Kultur- und Religionsverein ATIB auf dem Gelände der ehmaligen Kammgarnfabrik eine Moschee errichten will, gingen die Wogen hoch. Eine Bürgerinitiative sammelte 1400 Unterschriften, FPÖ-Landes- und -Bundespolitiker „beehrten“ Vöslau mit ihrer Aufmerksamkeit und ihren Besuchen. Und Bürgermeister Christoph Prinz meint rückblickend: „Ich dachte zunächst, ATIB will ein ähnliches Kulturzentrum mit Gebetsraum bauen, wie wir bereits eines in der Gemeinde hatten. Als ich dann die Pläne für eine Moschee mit zwei Minaretten ganz im orientalischen Stil sah, war ich ziemlich perplex. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.“ Nach einer ersten rechtlichen Prüfung des Bauantrags war für Prinz klar, „ich muss einen neuen Weg gehen.“
Neuer Weg. Die Auskunft aus dem niederösterreichischen Landhaus war klar, erinnert sich Prinz. Der Islam sei eine anerkannte Religionsgemeinschaft und deshalb gelten für seine Gebetshäuser dieselben Regeln wie für Kirchen. „Die geplante Moschee mit großer Kuppel und zwei Minaretten wäre kaum zu verhindern gewesen; gerade an diesen Symbolen aber rieb sich der Widerstand aus der Bevölkerung. Dazu kam noch eine diffuse Angst, was denn hinter den burgähnlichen Mauern des Zentrums alles stattfinden würde.“ Daraufhin begann Bürgermeister Prinz sowohl im Gemeinderat als auch auf der türkischen Seite auszuloten, ob und wie viel Gesprächsbereitschaft es gebe. Da niemand an einem Konfrontationskurs interessiert war, gelang es Prinz, sowohl alle Fraktionen des Gemeinderates als auch die Vertreter von ATIB für ein Mediationsverfahren zu gewinnen. „Wir haben in der Stadtgemeinde schon einmal – bei einem Umweltproblem (Flughafen) – gute Erfahrungen mit einer Mediation gemacht. Sie schien mir die beste Möglichkeit zu sein, unterschiedliche Interessen fair auszuhandeln ohne über jemanden drüberzufahren“, meint der Vöslauer Bürgermeister.
Neues Haus. Nach sechs Monaten und elf Sitzungen schaute das ursprüngliche Projekt völlig anders aus, ohne dass „wir die Nutzung als Moschee und als Jugend- und Kulturzentrum geändert hätten“, berichtet Prinz. „Nachdem klargestellt war, dass die Vöslauer ATIB-Vertreter entscheidungsbefugt verhandeln konnten, wurde aus einem Gebäude der Vergangenheit ein zukunftsweisender Bau entwickelt, einladend, transparent und zugänglich für alle Interessierten. Auch die Minarette und die Kuppel wurden neu gestaltet; aus den ,Speerspitzen‘, wie manche die Gebetstürme nannten, wurden helle Symbole, sichtbar vor allem für jene, die zum Gebet kommen“, erzählt der Bürgermeister. Weitere Vereinbarungen mit ATIB sollten zusätzlich der Angst vor „ferngesteuerten Radikalen“ entgegenwirken. Am Anfang dieses Projektes sei er in Gasthäusern oder Weinschenken immer wieder als „Türkenfreund“ angeflogen worden, aber „für mich war das der einzige gangbare Weg, wenn wir in unserer Gemeinde nicht Mauern zulassen wollten, die wir so schnell nicht mehr wegbringen“, sagt Prinz. „Möglich war dieser Weg aber nur, weil die richtigen Leute am Tisch saßen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen und lösungsorientiert und kompromissfähig zu arbeiten.“ Da sei viel Vertrauen gewachsen, etwa zwischen ihm und dem türkischen Projektleiter Selfet Yilmaz, meint Prinz.
Zur Sache
Mit einem Vis-à-Vis geht es besserAm Anfang stand der Bau einer Moschee und der Unmut dagegen. Seither ist in Bad Vöslau viel geschehen. Durch ein Mediationsverfahren sei viel Vertrauen zwischen den Vertretern der Stadtgemeinde und den Vertretern der türkischstämmigen Bevölkerung (930 von 11.500 Einwohnern) entstanden, sagt Bürgermeister Prinz. „Wir haben das Gefühl, dass wir nicht mehr nebeneinander herleben, sondern uns aufeinander zubewegen.“
In der Mediation ging es zwar um den Moscheebau; sehr bald aber wurden da auch Punkte angesprochen, die mit der Integration der seit Jahrzehnten hier lebenden türkischstämmigen Bevölkerung zu tun haben, berichtet Prinz. „Es ist für mich ein echter Gewinn, dass ich jetzt auf der Seite der türkischstämmigen Bevölkerung ein Vis-à-Vis habe, wo so viel Vertrauen da ist, dass wir gemeinsam auch schwierige Situationen lösen können, etwa wenn es Zoff mit Jugendlichen gibt.“ Prinz freut aber auch, dass im Geist des Aufeinanderzugehens eine ganze Reihe von Initiativen entstanden sind. So gab es bereits drei Mal einen Sprachkurs „Mama lernt Deutsch“. „Als wir vor drei Jahren einen ähnlichen Kurs angeboten haben, ist er nicht gegangen. Nun sprechen unsere türkischstämmigen ,Partner‘ die Frauen an und es geht. Sie wollen sogar selber jetzt in ihrem Zentrum solche Kurse machen“, erzählt Prinz. Gut angenommen wurde auch das „Sprachencamp“ für Kinder im Sommer. Die neu gegründete Gruppe „Frauenvielfalt“ lädt zu Diskussionen und Ausstellungen. Ausverkauft war der von türkischer Seite organisierter Auftritt des Kabarettisten Kaya Jana, der auch für eine bewusstseinsbildende Aktion genutzt wurde – Mauern aufbauen, Mauern abreißen.