32. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B), 8. November 2009
Ausgabe: 2009/45, 32. Sonntag im Jahreskreis, Himmel und Erde, Psalm, P. Markus Bucher, Wort zum Sonntag, arme Witwe, Evangelium, Lesung, Jesus, Witwe
04.11.2009
Sie hörten Jesus gerne zu, die kleinen Leute, wenn er die Großen und die Oben kritisierte. Vorsicht ist aber angebracht, wenn man Jesus zu schnell auf der eigenen Seite weiß. Weder ist jedes lange Gebet heuchlerisch noch jedes kurze Gebet ehrlich. Die arme Witwe, die ihr letztes Kleingeld in den Opferkasten wirft, sie ist Beispiel für alle, für die großen und für die kleinen Leute . . . dass das, was uns wirklich leben lässt, unverfügbar ist . . . dass es keine „Show“ braucht vor Gott . . . dass es nicht auf das Haben ankommt, sondern wie jeder Mensch sich und (!) den Anderen gut sein kann.
Evangelium
Mk 12, 38–44
Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt, und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber um so härter wird das Urteil sein, das sie erwartet. Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.
1. Lesung
1 Kön 17, 10–16
Er (Elija) machte sich auf und ging nach Sarepta. Als er an das Stadttor kam, traf er dort eine Witwe, die Holz auflas. Er bat sie: Bring mir in einem Gefäß ein wenig Wasser zum Trinken! Als sie wegging, um es zu holen, rief er ihr nach: Bring mir auch einen Bissen Brot mit! Doch sie sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim, um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben. Elija entgegnete ihr: Fürchte dich nicht! Geh heim, und tu, was du gesagt hast. Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck, und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten; denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet. Sie ging und tat, was Elija gesagt hatte. So hatte sie mit ihm und ihrem Sohn viele Tage zu essen. Der Mehltopf wurde nicht leer, und der Ölkrug versiegte nicht, wie der Herr durch Elija versprochen hatte.
2. Lesung
Hebr 9, 24–28
Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt ist,ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen; beim zweiten Mal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die ihn erwarten.
Himmel und Erde hat der Herr gemacht
das Meer und alle Geschöpfe; er hält ewig die Treue. Recht verschafft er den Unterdrückten, den Hungernden gibt er Brot; der Herr befreit die Gefangenen. Der Herr öffnet den Blinden die Augen, er richtet die Gebeugten auf. Der Herr beschützt die Fremden, und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht. Der Herr liebt die Gerechten, doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre. Der Herr ist König auf ewig, dein Gott, Zion, herrscht von Geschlecht zu Geschlecht
PS 146, 6–10
Wort zum Sonntag
Die arme Witwe als Zeichen
Einen prophetischen und sozialen Zug zeigt der Abschnitt aus dem Markusevangelium. Er erinnert an den Propheten Amos, der im Tempel zu Bet-El 800 Jahre vorher die herrschende Oberschicht auf die Anklagebank setzt: Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein paar Sandalen (Amos 2, 6) Die Tempel vor und nach dem jüdischen Exil waren als Kultort auch ein Wirtschafts- und Finanzunternehmen. Jesus klagt hier eine besondere Sorte von Schriftgelehrten an: Ihr äußeres Gehabe, ihre Ansprüche auf die vordersten Sitze und Ehrenplätze stehen in krassem Gegensatz zu ihrem sozialen Tun. Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.
Die kleinen Leute hörten Jesus gerne zu, wenn er die Großen und die Oben kritisierte. Sie fühlten sich verstanden in ihrem Empfinden für Gerechtigkeit. Eine arme Witwe, die Jesus am Opferkasten beobachtet, wird für ihn in diesem Zusammenhang zum „Sakrament“. Sakrament meint hier zum lebendigen Zeichen. Gottesdienst und Dienst am Menschen zusammenführen. Für Jesus ist die „arme Witwe“ noch in anderer Hinsicht ein Zeichen, ein Sakrament. Er sieht, dass sie nicht etwas gibt. Sie gibt alles, was sie für diesen Tag hat.Der weitere Verlauf des Evangeliums zeigt uns, welchen Weg Jesus gegangen ist. Er hat wirklich alles gegeben, was er hatte. Er bleibt bei seiner prophetischen Kritik, er steckt nicht zurück. Er macht keine Kompromisse, genau so wie die Propheten vor ihm. Er engagiert sich für die vielen Witwen, die vielen Waisen, die Vielen, die wie Schafe sind, die keinen Hirten haben. Ganz-Hingabe, Eindeutigkeit, Loslassen, das kannst du bei den Armen lernen, nicht bei den Reichen und Mächtigen, die der Reichtum zu Egoisten gemacht hat. So würde Jesus sagen.
Zum Weiterdenken
Mut haben, alles zu geben, was mir möglich ist, nicht nur materiell, sondern auch in Beziehungen, in der Partnerschaft.
P. Markus Bucher, Provinzial der Missionare von Mariannhill und geistlicher Assistent der Kath. Männerbewegung Linz.