Spannende Werke und Autor/innen werden in der Reihe „Literatur in der KirchenZeitung“ alle sechs Wochen von Maria Fellinger-Hauer vorgestellt. Diese Woche: der Roman „Atemschaukel“ von Herta Müller.
Die Angst und die allgegenwärtige Bedrohung sind zentrale Themen des literarischen Werks Herta Müllers. Die Bücher der in Nitzkydorf im deutschsprachigen Banat geborenen und seit 1978 in Berlin lebenden Autorin handeln häufig vor dem Hintergrund der Ceaucescu-Diktatur in Rumänien. In ihrem neuen Roman „Atemschaukel“ geht es um die lange Zeit verschwiegene bzw. tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion. Von Stalin, dem Sieger des Krieges, wurden sie pauschal für die Verbrechen der Nazis verantwortlich gemacht. Für dieses Buch wurde ihr vor wenigen Wochen der Literatur-Nobelpreis zuerkannt. Der Roman basiert auf Gesprächen mit Überlebenden, hauptsächlich mit dem aus Siebenbürgen stammenden, 2006 verstorbenen Büchner-Preisträger Oskar Pastior, und auf dessen autobiographischen Notizen. Pastior wurde im Jänner 1945 als 17-Jähriger in die Sowjetunion verschleppt und zu Zwangsarbeit verurteilt. Auch Herta Müllers Mutter war fünf Jahre lang in einem sowjetischen Arbeitslager.
Klare Sprache, präzise Bilder. Aus diesem Stoff hat Herta Müller einen Roman komponiert. In der ihr eigenen klaren Sprache, die sich durch kurze Sätze und präzise Bilder (... die Nacht war aus Tinte; es schneite Eisnägel ...) auszeichnet, beschreibt sie die Lagerwelt anhand der Erfahrung des jungen Protagonisten Leo Auberg. Die körperliche Qual, die Erniedrigung, den Sadismus der Befehlshaber, die Hoffnungslosigkeit, das Ungeziefer und den Hunger, vor allem den Hunger. Leo Auberg überlebt das Konzentrationslager Nowo-Gorlowka. Der Abschiedssatz seiner Großmutter: „Ich weiß, du kommst wieder“ hält ihn am Leben. Einmal bekommt er ein Taschentuch geschenkt. Er widersteht der Versuchung, es gegen Essbares zu tauschen. „Ich glaubte, das Taschentuch ist mein Schicksal. ... Ich war mir sicher, der Abschiedssatz meiner Großmutter hat sich in ein Taschentuch verwandelt. Ich schäme mich nicht, wenn ich sage, das Taschentuch war der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte. Ich bin mir sicher, auch heute noch.“ Ein erschütterndes, ein unbedingt lesenswertes Buch.
Literatur in der KirchenZeitung
Die Reihe will mit Tipps Orientierung bieten und das Hineinschnuppern in die Welt der Literatur erleichtern. Jeweils alle sechs Wochen werden Bücher und Schriftsteller/innen vorgestellt. Die Auswahl trifft die Autorin der Serie, Mag. Maria Fellinger-Hauer. Sie ist Leiterin der Bibliotheksfachstelle der Diözese Linz.