Größte Befragung unter Pfarrgemeinderäten zeigt Stärken und Sorgen auf
Ausgabe: 2009/46, kirchlich Engagierte, Engagierte, Pfarrgemeinderäte, Befragung, Arm und Reich, Jugend, Zukunft, Kirche, kirchliche Zukunft, Zulehner, Glaube, Sorgen, Sorgenbündel, Depression
12.11.2009
- Hans Baumgartner
Sie halten die Balance zwischen Arm und Reich. Sie sorgen, dass Junge und Alte im Gespräch bleiben. Sie schauen, dass Himmel und Erde in Berührung kommen. Österreichs Pfarrgemeinderäte sind Säulen nicht nur des kirchlichen, sondern auch des gesellschaftlichen Lebens. Mehr als andere orientieren sie sich nicht nur an eigenen Wünschen, sondern am Wohl aller. Das zeigte die größte jemals durchgeführte Befragung unter Pfarrgemeinderäten. Über 7.000 Männer und Frauen haben sich beteiligt.
Sie wollen ihre Kirche aktiv mitgestalten
Pfarrgemeinderäte-Studie: Spannung zwischen hoch motiviert und vielen Sorgen
Die in den österreichischen Pfarrgemeinderäten tätigen Frauen, Männer und Jugendlichen sind „wirklich gute Leute und kein ,seichter Haufen‘. Sie sind ein Schatz für die Kirche und für die Gesellschaft“, sagt der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner.
Die Pfarrgemeinderäte in Österreich sind so etwas wie ein „Sauerteig“ in der Gesellschaft. Sie sind überdurchschnittlich solidarisch – über die Nachbarschaft hinaus, Belohnungsstreben und Individualismus („Ich-AG“) sind bei ihnen deutlich weniger ausgeprägt als im Bevölkerungsdurchschnitt; sie sind weniger anfällig für autoritative Strömungen („starke Männer“) und setzen sich für Gemeinschaft und Gerechtigkeit ein. Ihre Kraft schöpfen sie aus einem Glauben an einen Gott, von dem sie sich – über den Tod hinaus – getragen wissen. „Pfarrgemeinderäte sind kein ,seichter Haufen‘, sondern Menschen, die unter einem ,offenen Himmel‘ leben und den Himmel offen halten“, sagt der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner. In dieser Woche befassen sich die österreichischen Bischöfe auf ihrer Herbstkonferenz in Michaelbeuern mit der von ihm geleiteten Pfarrgemeinderats-Studie. Zulehner hat dafür den Titel „Der Reichtum der Kirche sind die Menschen“ gewählt.
Die Motive. Was motiviert Frauen, Männer und Jugendliche im Pfarrgemeinderat mitzuarbeiten? Für viele ist ein wesentlicher Grund ihr Glaube und ihre Berufung, als Laien zum Aufbau des Reiches Gottes in dieser Welt mitzuarbeiten. Ihnen geht es darum, dass ihre Pfarre ein Ort ist, an dem man Gott spüren kann, wo „wir Zeugen seiner Liebe“ sind. Vielen ist es auch ein großes Anliegen, dass die Kirche nahe bei den Menschen ist und daher die Pfarrgemeinde vor Ort erhalten bleibt und lebendig ist. Gerade älteren Pfarrgemeinderäten ist es wichtig, für eine offene Kirche im Geiste des II. Vatikanischen Konzils zu arbeiten. Bei Jüngeren, für die das Konzil und die Zeit davor und danach „Geschichte“ sind, spielt das nur mehr eine geringe Rolle (7%). Nicht wenige begründen ihre Mitarbeit auch mit konkreten Aufgaben (Projekten) wie soziale Dienste, Kirchenmusik und Liturgiegestaltung oder Eine-Welt-Arbeit. Starke Motive, so Zulehner, drehen sich auch darum, Kinder und Jugendliche an den Glauben und die kirchliche Gemeinde heranzuführen. Viele motiviert auch, dass sie die Pfarre mitgestalten können, dass sie Visionen einbringen und umsetzen können und sich dabei auch selbst entfalten und entwickeln können. Für sie ist der Pfarrgemeinderat mehr als ein (bloß) beratendes Gremium oder eine „Kirchenvolksvertretung“. Zulehner sieht darin auch ein Wachsen einer mündigen Laienverantwortung. Das sollte durch entsprechende geistliche und organisatorische Fortbildungsangebote, die gesucht werden, gefördert werden, damit daraus nicht „ein frustrierender Aktionismus“ wird. Rückhalt in der Gemeinschaft, im Team ist diesen Menschen wichtig.
Zufrieden. 39 Prozent der Pfarrgemeinderät/innen sind mit dem, was sie im PGR erleben und tun, hoch zufrieden (Note 1), 49 Prozent sind zufrieden (2) und 12 Prozent unzufrieden (3 bis 5). Entscheidend zur Zufriedenheit trägt eine „professionelle Arbeits- und Konfliktkultur“ bei; weiters die Möglichkeit, zur Entwicklung der Ortskirche beizutragen, die Erfahrung, dass Talente und Charismen gefördert werden, das gute zwischenmenschliche Klima, die Angebote zur Weiterbildung und die „kompetent ausgeübte Pfarrerrolle“. „Dort, wo der Priester Leitung wahrnimmt – unabhängig ob er ständig am Ort ist –, wird der Pfarrgemeinderat selbst immer mehr zu einem Leitungsgremium, in dem sich die Mitglieder ernst genommen fühlen“, betont Zulehner. „Denn die Mehrheit der Leute will gestalten und nicht nur raten.“ 81 Prozent der „sehr Zufriedenen“ sagen, dass sie in ihrer Pfarre Akzente setzen konnten. „Die Leute arbeiten motiviert mit, aber nicht um jeden Preis“, sagt Zulehner. „Wenn die Kirche zukunftsfähige Gemeinden will, dann muss sie darauf achten, dass sie nicht Rat-los wird“, meint Zulehner im Hinblick auf manche Bestrebungen, die Kompetenzen der Pfarrgemeinderäte einzuschränken oder ihre Wahl durch „Ernennungsverfahren“ zu ersetzen.
Die Wahl. Trotz mancher Schwierigkeiten, Kandidatinnen und Kandidaten für den Pfarrgemeinderat zu gewinnen, sagen fast 90 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass es 2007 eine echte Wahl gegeben hätte. 41 Prozent sagen allerdings auch, dass es schwieriger wird, Leute für den PGR zu finden. Gründe dafür sind der „Zeitmangel“ bei engagierten Leuten, dass viele nicht wissen, was der PGR ist und tut (50%), dass die Kirche ein schlechtes Image hat (z. B. bei jungen Österreicher/innen deutlich schlechter als in der BRD oder der Schweiz), dass die Leute meinen, der PGR ist „für die Katz“ (27%) oder mit dem Pfarrer kann man schwer zusammenarbeiten (23%).
Zur Sache
Größte Umfrage bei Pfarrgemeinderäten
Seit 40 Jahren gibt es in Österreich Pfarrgemeinderäte. Im Frühjahr 2009 wurde die umfassendste Befragung von PGR-Mitgliedern, die es – nicht nur in Österreich – je gegeben hat, gestartet. 35.000 Personen wurden eingeladen, via Internet einen Fragebogen auszufüllen. 21 Prozent haben sich daran beteiligt. Ein ungewöhnlich hoher Rücklauf. „Die Ergebnisse spiegeln zwar ,nur‘ die Meinung derer wider, die sich beteiligt haben. Daraus ergibt sich dennoch ein sehr umfassendes Bild“, betont der Studienleiter und Pastoraltheologe Paul M. Zulehner.
Der Fragebogen hatte zwei Teile, einen zum Ankreuzen und einen mit offenen Fragen. Im Vorfeld wurde der Fragenkatalog durch eine Studie „sehr nahe an den Leuten“ erarbeitet. Viele haben über die Länge des Fragebogens gestöhnt, aber „wir wollten in die Tiefe gehen“, sagt Zulehner. „Die vielen persönlichen Antworten geben einen tiefen Einblick darüber, was den engagierten Kern der Kirche von Österreich bewegt“, meint Zulehner. Das müsse nun auch theologisch aufgearbeitet werden. In den Antworten spiegle sich die Pluralität der Kirche Österreichs wider, aber auch sehr deutliche Meinungsbilder. Ein Schlagwortkatalog soll Interessierten die Suche nach Themen erleichtern. Die Studie dient auch der Vorbereitung des Gespräches der Pfarrgemeinderäte mit den Bischöfen (Mai 2010).
- www.univie.ac.at/umfrage-pmz
Tiefe Sorge, wie es weitergeht
Die Pfarrgemeinderäte sind einerseits hoch motiviert und engagiert, andererseits aber sind sie auch tief besorgt. Ob aus dieser Spannung Neues wächst oder ob sie zur „lähmenden Depression“ wird, ist eine Zukunftsfrage für die Kirche, meint Zulehner.
Auf die Frage, wie sie sich die Zukunft ihrer Pfarre in zehn Jahren vorstellen, antworten 27 Prozent der Umfrageteilnehmer/innen, dass es nur noch „abwärts geht“; 24 Prozent meinen, dass es nicht mehr so gut geht. Ein Drittel hat „schwache Hoffnungen“ und 15 Prozent haben Visionen, wie eine neue, lebendige Kirche aussehen könnte. Besonders besorgt sind die jüngeren PGR-Mitglieder und die Frauen. „Aus vielen Antworten sind schon sehr massive Depressionen wahrnehmbar“, meint Zulehner. Zurufe wie, man müsse sich an manches Absterben gewöhnen, seien da gewiss nicht hilfreich.
Sorgenbündel. Die Besorgnisse der Pfarrgemeinderäte lassen sich vor allem an fünf Fragen festmachen: - Wird es morgen noch genug Menschen geben, die den Gottesdienst mitfeiern? - (Wie) werden wir Kinder und junge Menschen gewinnen können? - Wird es gelingen, auch weiterhin genügend Menschen für ehrenamtliche Mitarbeit zu motivieren? - Werden wir eine eigene Pfarre mit einem eigenen Pfarrer bleiben? - Wie können wir im Verbund mit anderen Pfarren unser Profil einbringen und erhalten?
Lösungsstau. Viele Besorgnisse, so Zulehner, hängen mit dem Priestermangel zusammen. „Die Leute spüren, dass ihnen von oben immer mehr Aufgaben zugeschoben werden. Sie haben aber kaum Perspektiven und Visionen, wie der Umbau von der Expertenkirche zur ehrenamtlichen Kirche aussehen könnte.“ Die meisten der Befragten sehen die Lösung darin, dass es weiterhin hauptamtliche Seelsorger/innen in „Ruf- und Reichweite“ gibt. Die Mehrheit der Umfrageteilnehmer/innen ist dabei der Ansicht, dass die Kirche den Pool ausweiten soll, aus dem sie ordinierte Priester nimmt (s. Tabelle). Damit zusammen hängt auch, dass die Menschen die Eucharistie (hl. Messe) als Mitte des pfarrlichen Lebens schätzen und befürchten, dass durch Wortgottesfeiern der Kirchgang und damit auch das Gemeinde-Sein signifikant abnimmt. Wiederholt, so Zulehner, tauche aber auch der Begriff „Laienpriester“ auf. Diesen Menschen ist es wichtig, dass in der Pfarre jemand da ist, der sich um die Leitung der Seelsorge hauptamtlich kümmert. Entscheidend ist, dass er oder sie kompetent ist, und nicht, dass sie geweiht sind. Damit drohe die Weihe ihre „einsehbare Wichtigkeit“ zu verlieren. Viele Pfarrgemeinderäte, so Zulehner, hätten das Gefühl, dass „wir sowohl Ressourcen als auch Probleme haben – und dass die Kirchenleitung beides nicht wirklich aufgreife“. Wenig entwickelt sei das Bewusstsein, dass die regionale Zusammenarbeit (Seelsorgeräume) auch Chancen biete und nicht nur eine Notlösung aufgrund des Priestermangels sei.