Am Mond gibt es Wasser. Diese Meldung verbreitete die Weltraumagentur NASA am Freitag der Vorwoche. Gibt es also doch Leben im All? Die Sehnsucht nach den Sternen erlebt eine Renaissance.
Je mehr sich die Probleme des Lebens auf der Erde zuspitzen, umso größer scheint die Sehnsucht nach den Sternen zu werden. Auch in der Theologischen Privatuniversität Linz befassten sich Experten letzte Woche beim „Dies academicus“ mit den naturwissenschaftlichen Fragen. Doch so atemberaubend die Blicke der Forscher in die Weiten des Alls sind: der Himmel, nach dem sich die Menschen sehnen, übersteigt all dies. Sie verweisen den Menschen zuletzt noch einmal zurück auf ihn selbst: Hier gilt es den Nächsten gerecht zu werden; und heute gilt es zu handeln, dass auch in Zukunft menschenwürdiges Leben auf diese Erde möglich wird. Die großen Entdeckungen zeigen die Zerbrechlichkeit des Lebens auf dem Planeten Erde auf.
Das Fernrohr hat Konflikte gebracht
Wer die Entdeckungen der Astronomie ernst nimmt, kann der noch das Lied „Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus“ singen? – Der Dies Academicus an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz hatte „Revolution am Himmel und Revolution im Himmel“ zum Thema. Der überfüllte Hörsaal zeigte, dass die Frage bewegt, ob oder wie Astronomie und Glaube zusammenpassen.
Das Fernrohr hat uns in Konfliktsituationen gebracht. So einfach beschreibt der Wiener Astronom Franz Kerschbaum in seinem Referat das Problem. Seit Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei das bis dahin herrschende Weltbild, das die Erde zum Mittelpunkt hatte, aus den Angeln hoben, ist das Verhältnis von Astronomie und katholischer Kirche spannungsgeladen. Die Forschungen der Astronomie haben ein Universum eröffnet, das nicht ohne Weiters mit dem Choral „Die Himmel rühmen“ in Beziehung zu setzen ist. Für Franz Gruber, Professor für Dogmatik an der KTU Linz und Amateur-Astronom, steht außer Frage, dass es für uns Menschen des naturwissenschaftlichen Zeitalters schwieriger geworden ist zu glauben: „Der von der Astronomie geöffnete Himmel verschließt eher den theologischen Himmel.“ Aus dem kleinen Kosmos mit der Welt als Mittelpunkt sind die unendlichen Weiten des Universums geworden, in denen die Erde kaum mehr in der Größe eines Staubkorns darzustellen ist. „Diese Erschütterung ist der Theologie anzumerken und sie ist in den vergangenen drei Jahrhunderten gegenüber der Naturwissenschaft recht sprachlos geworden“, stellt Gruber fest.
Lückenbüßer-Gott. Doch alle Versuche, Gott innerhalb der Lücken des Naturwissens einen Platz geben zu wollen, sind Sackgassen, betonen der Theologe Gruber und der Astronom Kerschbaum übereinstimmend. Ein Beispiel macht das deutlich: Nur vier Prozent der Materie des Universums sind „bekannte Materie“, 23 Prozent werden als „dunkle Materie“ und 73 Prozent als „dunkle Energie“ bezeichnet. Das heißt, Wissenschafter beobachten etwas, was sie nicht erklären können. Aber es ist nicht legitim hier Gott ins Spiel zu bringen. Damit würde man ihn zum Lückenbüßer machen. Glaube und Naturwissenschaft sind zwei unterschiedliche Weisen, mit der Welt umzugehen. Die Wissenschaft fragt, wie das Weltall entstanden ist (die Ursachen), der Glaube fragt nach dem Warum, dem Grund. Auf diese Unterscheidung kommt es an, unterstreicht Gruber. Sie ist der Schlüssel zu einem Schöpfungsglauben, der sich nicht über die Erkenntnisse der Naturwissenschaft hinwegschwindeln muss. Galileo Galilei hat um diese notwendige Unterscheidung schon gewusst, wurde aber von der Kirche nicht gehört: „Die Bibel lehrt uns, wie wir in den Himmel kommen, aber nicht wie sich die Himmelskörper bewegen“. Wenn gläubige Menschen von Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde reden, ist das ein Bekenntnis, das sie in der Ich-Form ablegen: Ich vertraue darauf, dass Gott den Kosmos in seinen Händen hält. Das ist keine Weltentstehungstheorie, sondern eine Antwort auf die Frage, welchen Sinn das Dasein hat und worin das Leben gründet.
Kein Gegensatz. Das Warum des Glaubens und das Wie der Wissenschaft sind für Gruber keine Gegensätze. Beide Fragen machen das Menschsein aus: Die Naturwissenschaft hilft, richtig über die Welt zu reden. Die Mahnung des Theologen Thomas von Aquin gilt bis heute: „Der Irrtum über die Geschöpfe führt uns zu einer falschen Vorstellung von Gott.“ Wenn die Wissenschaft aber eine Erklärung für das Warum geben will, überschreitet sie ihre Grenzen. Sie kann das nicht. Das Warum ist auf der Ebene der Person zu beantworten. Für gläubige Menschen heißt das: Sie preisen die Welt als Schöpfung Gottes in Liedern, in den Psalmen und im Glaubensbekenntnis, aber sie tun das nicht gegen die Naturwissenschaft. Gruber: „Menschen erkennen durch die Astronomie, dass sie aus dem Zentrum des Kosmos gefallen sind, aber sie wissen im Glauben, dass sie durch Jesus Christus ins Zentrum der Liebe Gottes gestellt sind“.
Wo sich Astronomie und Glaube kreuzen
Folgte man den Ausführungen des Dies Academicus der KTU Linz am 12. November 2009, wurde deutlich, dass Naturwissenschaft und Glaube zwei Weisen von Fragen sind: Der Glaube sucht Antwort auf den tragenden Grund des Daseins, die Astronomie auf den Aufbau des Alls. Die beiden Wege führen aber nicht nur nebeneinander her, sondern kreuzen sich auch. Da der Mensch in sich ja nicht gespalten ist, fragt er immer nach beidem: nach dem Warum und Wie seines Lebens. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem All kann durchaus zur Warum-Frage führen, erklärt Franz Gruber. Der Astronom Franz Kerschbaum hat als Beispiel auf einen dieser Naturabläufe hingewiesen, die weiterfragen lassen: die Entstehung von Kohlenstoff, dem Baustein allen Lebens, durch Kernfusion. Bis in Milliardstel-Bruchteile müssen hier bestimmte Komponenten übereinstimmen, dass Kohlenstoff entsteht. Das beweist nicht Gott, aber dass sich Menschen angesichts dieser Tatsache einem Schöpfergott öffnen, ist verständlich und sinnvoll. Oder warum macht sich das Universum die Mühe zu existieren? Die physikalischen Voraussetzungen sind so ungeheuer unwahrscheinlich, dass sich die Warum-Frage nicht wegschieben lässt, betont Gruber: Das Staunen ist ein Weg zur Warum-Frage und im 21. Jahrhundert haben wir mehr Grund zum Staunen als die Menschen vor drei- oder vierhundert Jahren. Für gläubige Menschen hat hier auch der Psalm 19 wieder seinen Platz: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“