Eine Minute lang bebte am Dienstag vergangener Woche in Haiti die Erde. Und die dicht besiedelte Gegend um die Hauptstadt Port-au-Prince war ein Trümmerhaufen. Seither hat ein Wettlauf um das Überleben der Überlebenden begonnen.
Es ist erst ein paar Monate her, da hat Ines Refenner von „Jugend Eine Welt“ die Berufsschule der Salesianer in Port-au-Prince besucht – ein Musterbeispiel für Bildungs- und Jugendarbeit in der von Armut und Chaos geprägten Stadt. Jetzt liegt sie in Trümmern und hat 200 Schüler und Lehrer begraben. „Ein Pater, der sich im oberen Stockwerk befand, wurde wie durch ein Wunder gerettet. Er konnte sich selber aus den Trümmern befreien“, berichtet Refenner. Weitere Schulen und Einrichtungen für Straßenkinder der Salesianer wurden zum Teil schwer beschädigt. Auch das Provinzhaus des Ordens wurde teilweise zerstört. Drei Patres kamen ums Leben, zwei wurden schwer verletzt.
Ein Wunder. „Viele Mitarbeiter/innen und Patres hausen und schlafen in Autos vor ihren Zentren oder in den Innenhöfen – auch deshalb, um sie vor Plünderern zu schützen. Kurz nach dem Einsturz der Schule und des Provinzhauses waren bereits die ersten Banden da und stahlen, was noch irgendwie brauchbar schien“, erzählt Refenner. „Es ist ein Wunder“, meint sie, „wie schnell dennoch die Hilfe angelaufen ist. Denn obwohl die Patres selber seelisch extrem belastet sind, haben sie innerhalb weniger Stunden über die salesianischen Ordensfamilien in der Dominikani- schen Republik und in den USA die ersten Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Bereits einen Tag nach dem Beben bekamen wir über diese Schiene die ersten Informationen, was an Hilfsgütern gebraucht wird“, berichtet Refenner. Wenig später waren drei Salesianerpatres aus der Dominikanischen Republik in Port-au-Prince, um vor Ort die Lage zu erkunden. Und bereits am Samstag erreichte ein Konvoi von zehn Lkws mit Wasser, Nahrungsmitteln, Decken und medizinischen Gütern die Hauptstadt – begleitet von Soldaten aus der Dominikanischen Republik, die den Salesianern als Schutz vor Plünderern mitgegeben wurden. „Die eigentliche Gefahr“, so Refenner, „sind freilich nicht die Väter und Mütter, die sich für ihre Kinder um Nahrungsmittel prügeln, sondern die bewaffneten Banden, die dieses Land schon seit Jahren terrorisieren.“ Aus Sicherheitsgründen bauen die Salesianer ihr Hauptlager für die Hilfe auch in der Dominikanischen Republik auf, eine Autostunden von der Grenze zu Haiti entfernt.
„Die Situation in Port-au-Prince, der Hauptstadt von Haiti, und in den umliegenden Regionen ist unvorstellbar“, berichtet der Leiter der österreichischen Caritas-Auslandshilfe, Christoph Petrik-Schweifer. Auch erfahrene Katastrophen-Helfer/innen sind vom Außmaß der Zerstörung und der Not der Menschen, die mitten unter den Toten auf den Straßen leben, erschüttert.
Trotz extremer Probleme konnte die Caritas innerhalb weniger Tage in Port-au-Prince und in der Stadt Jacmel 27 Verteilstellen für Nahrungsmittel, Decken und Wasser errichten. „Jedes Hilfspaket, das wir jetzt rasch zu den Menschen bringen, rettet Leben“, sagt Petrik-Schweifer. Der Caritas kommt zugute, dass sie bei ihrer Ersthilfe auf drei bereits vor dem Erdbeben bestehende Katastrophenvorsorge-Lager in Port-au-Prince zurückgreifen konnte. Innerhalb weniger Tage wurden weitere 50.000 Lebensmittelpakete aus der Dominikanischen Republik angeliefert. Derzeit sind über die internationale Caritas-Schiene 1300 Tonnen Weizen, Chlortabletten zur Aufbereitung von 40 Millionen Liter Wasser, 20.000 Wasserkanister, Decken, Großraumzelte und acht sogenannte „Health Kits“ zur medizinischen Grundversorgung für 80.000 Menschen über drei Monate auf dem Weg ins Krisengebiet. Zur Unterstützung des internationalen Caritas-Teams hat Österreich am Sonntag drei erfahrene Helfer/innen nach Haiti entsandt.