Ermutigende Erfahrungen in der Seelsorge aus der französischen Diözese Poitiers
Ausgabe: 2010/04, jammern, Freude, Seelsorge, Poitiers, Müller, Diözesansynoden, Kirche
27.01.2010
- Josef Wallner
Der Priestermangel ist in Europa für alle Diözesen eine Herausforderung. Dass man einen Mangel nicht nur verwalten, sondern dass auch Neues wachsen kann, zeigt die französische Diözese Poitiers. Die Theologin Hadwig Müller stellte beim Treffen der Seelsorgeteams den Weg von Poitiers vor.
Die Kirche von Poitiers blickt auf eine lange christliche Tradition zurück. Schon im 3. Jahrhundert war die Stadt im Westen Frankreichs Bischofssitz. Der Kirchenlehrer Hilarius und der heilige Martin von Tours sind mit der Stadt untrennbar verbunden. Doch von der Tradition allein kann man nicht leben. Mitte der 1980er Jahren hatte ein großer Teil der 604 meist sehr kleinen Pfarren Poitiers’ keinen eigenen Priester mehr. Das Pfarrsystem war vor allem am Land, das in Frankreich stark von Abwanderung geprägt ist, zusammengebrochen. Die Antwort der Diözesanleitung bestand nun nicht in der Bildung von Großpfarren. „Zusammenlegungen funktionieren nur auf dem Friedhof“, meint Albert Rouet, Bischof von Poitiers. „Das Besondere des Weges von Poitiers besteht in der neuen Art zu fragen“, macht Hadwig Müller aufmerksam: „Man hat nicht überlegt: Was können wir noch aufgeben, damit wir über die Runden kommen?, sondern die Grundfrage lautet: Was braucht Kirche, damit sie leben kann?“
Diözesansynoden. In zwei Diözesansynoden haben Bischöfe, Priester und Gläubige nach einer zukunftsfähigen Art von Kirche-sein gesucht. Folgende Maßnahmen haben sie dabei nach und nach gesetzt. Die Diözese Poitiers – sie ist flächenmäßig ungefähr gleich groß wie Oberösterreich – wurde in 74 Sektoren gegliedert. Ein Priester hat die Verantwortung der Pastoral im Sektor, er arbeitet aber in einer „Pastoral-Equipe“ (Team) mit weiteren Priestern, Diakonen und hauptamtlichen Laien. Die Sektoren entsprechen in etwa den 93 Seelsorgeräumen in der Diözese Linz. Ihre Pastoralteams begleiten Gemeinden und stellen sicher, dass sie in Fragen der Sakramentenpastoral und auch der kategorialen Seelsorge Unterstützung finden.
Die „Fünfer“-Kirche. Das Herzstück der Pastoral von Poitiers sind aber die „örtlichen Gemeinden“ und ihre „Basis-Equipen“. Dahinter steht die Überzeugung: „Da, wo fünf Menschen da sind, da ist Christus, da ist die Kirche.“ Zu einer Equipe gehören je ein Beauftragter für die Pastoral, für die materiellen Belange, für die Glaubensverkündigung, für das Gebet (Gottesdienste) und für die Nähe (Caritas). Fünf Gläubige sind die Basis für die Einsetzung einer „örtlichen Gemeinde“. In einer feierlichen Liturgie erhalten die Mitglieder vom Bischof ihre Beauftragung für drei Jahre. Die Basisequipe ist gerufen, selbst als kleine Gemeinschaft den Glauben zu leben und andere zu rufen. Rufen ist eines der Schlüsselworte in Poitiers und bedeutet „die Kunst als Kirche zu leben“: das umfasst, sich selbst von Gott rufen zu lassen, sich von der Kirche, rufen zu lassen und andere Menschen in die Nachfolge zu rufen. Die örtlichen Gemeinden sind so von Grund auf missionarisch, sogar dazu „gezwungen“, missionarisch zu sein, da die Dienstzeit der Basisequipen ohne Ausnahme auf sechs Jahre beschränkt ist.
Die Nähe suchen. Missionarisch zu sein und auf die Menschen zuzugehen, ist aber keine Last, zeigt die Erfahrung in Poitiers: Wie die Altersstruktur einer Gemeinde auch aussehen mag, die vielfältigen einladenden Gesten der Gastfreundschaft verjüngen sie. Und umgekehrt gilt: Eine örtliche Gemeinde, die weder einlädt noch ruft, veraltet. „Die Gemeinde lebt von der Suche nach den Menschen, die ihr fehlen“ – diese Überzeugung weist zusätzlich zur missionarischen Dimension auf ein weiteres Kennzeichen des Weges von Poitiers hin: die Nähe zu den Menschen. Es geht nicht um den Erhalt von Strukturen, sondern um das Zugehen auf die Leute. Hadwig Müller weiß von ihren Besuchen in Poitiers: „Das Jammern über das Kleinerwerden ist der Freude gewichen.“
Kirche des Vertrauens. Seit 1995 sind in der Diözese Poitiers an die 350 örtliche Gemeinden gewachsen. Dass die in der Diözese Linz entwickelten Seelsorgeteams mit den Basisequipen eine Ähnlichkeit haben, ist unübersehbar. Doch die Seelsorgeteams stehen im Dienst einer funktionierenden Pfarre und müssen – Gott sei Dank – kein Neuanfang in einem zusammengebrochenen Pfarrsystem sein. Bischof Rouet betont, dass der Weg seiner Diözese nur im Vertrauen verstanden werden kann: „Es ist an uns, dieses Vertrauen, durch das Gott uns existieren lässt, gemeinsam zu leben.“