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Da muss sich die Kirche mehr bewegen

Wo steht die Ökumene heute? – Rudolf Prokschi im Interview
Ausgabe: 2010/04, Kirche, Ökumene, Prokschi, Interview, Ostkirchenkunde, Vesper, Paulusgrab, Weltgebetswoche
27.01.2010
- Hans Baumgartner
Am Montag beschlossen Papst Benedikt und Vertreter anderer christlicher Kirchen mit einer Vesper am Paulusgrab die Weltgebetswoche um die Einheit der Christen. Vor 100 Jahren hat die moderne ökumenische Bewegung begonnen. Wo steht sie heute?

Man hört und liest, dass der Ökumene die Luft ausgehe, dass man nicht mehr so recht weiter kommt oder will. Ist das so?
Prokschi: Bevor man Klagelieder auf den Stillstand in der Ökumene anstimmt, soll man zunächst einmal schauen, was in diesem Bereich in den vergangenen Jahrzehnten an Vertrauen in der Praxis, aber auch an theo-logischen Annäherungen gewachsen ist. Dass es in Deutschland, dem Kernland der Reformation, heuer bereits den zweiten Ökumenischen Kirchentag geben wird, wäre vor nicht allzu langer Zeit noch ein unerreichbarer Traum gewesen. Oder dass es seit zehn Jahren eine gemeinsame Erklärung des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche über einen der Hauptstreitpunkte der Reformation, die Rechtfertigungslehre, gibt. Wir sind weit gekommen und stehen daher heute an Punkten, wo jede Kirche gefordert ist, sich zu fragen, wie weit sie sich über bisher Gewohntes hinaus bewegen muss oder kann.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Prokschi: Im katholisch-orthodoxen Dialog gibt es Übereinstimmung darin, dass uns vom Glauben her, vom Verständnis der Sakramente und der Ämter her eigentlich nichts trennt. Man könnte sagen, im Kern sind wir bereits eine Kirche. Was uns an der Einheit hindert, ist die unterschiedliche Auffassung von der Struktur der Kirche und vom Primat des Papstes. Und da gibt es seit der Dialogkonferenz von Ravenna (2007) auch von orthodoxer Seite die klare Aussage, dass es auf Weltebene einen obersten Vertreter, einen „Ersten“ geben muss und dass dies der Bischof von Rom ist. Keine Übereinstimmung jedoch gibt es, wie dieser „Petrusdienst“ aussehen soll. Für Orthodoxe ist eine Machtfülle des Papstes, wie sie im I. Vatikanischen Konzil definiert wurde, undenkbar. Und da müsste sich die katholische Kirche endlich mehr bewegen, wie das ja auch Johannes Paul II. angeregt hat. Denn eines ist sicher, der Petrusdienst hat über die Jahrhunderte hinweg viele Ausprägungen gehabt, und es gibt nicht nur die eine „gültige“ Form, wie sie jetzt praktiziert wird.

Und wie sehen Sie den Stand der Ökumene im Hinblick auf die evangelischen Kirchen?
Prokschi: Auch da gibt es in Fragen des Glaubens und auch des Amtsverständnisses durchaus beachtliche Annäherungen. Und es gibt – vorwiegend von katholischen Dokumenten (Dominus Jesus u. a.) ausgelöste – Irritationen und Verletzungen, die zu kantigen Wortmeldungen auf evangelischer Seite geführt haben. Das Hauptproblem sehe ich aber in der grundlegend unterschiedlichen Auffassung über das Ziel der Ökumene überhaupt. Das Modell für die Einheit der reformatorischen Kirchen ist die sogenannte „Leuenberger Konkordie“ (1973). Da gewähren einander weiterhin völlig eigenständig bleibende Kirchen unter Berufung auf das gemeinsame Bekenntnis zu Jesus Christus Kanzel- und Kommuniongemeinschaft. Die Sakramente und Ämter werden gegenseitig anerkannt. Für die Orthodoxie und die katholische Kirche bedeutet Einheit jedoch, dass es nur eine Kirche Jesu Christi gibt, wie wir sie im Credo bekennen, wohl aber in Vielfalt. Die große Herausforderung ist, zu klären, wieviel Einheit ist unbedingt notwendig und wieviel Unterschied kann bleiben. Es gibt ja auch in der katholischen Kirche eine riesige Bandbreite an Gruppen.





Zur Sache

Ein Modell für gelebte Ökumene

Der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich ist für den Wiener Ostkirchenexperten Rudolf Prokschi ein gelungenes Beispiel, „was im Miteinander der Kirchen schon jetzt möglich ist.“ Einen Grund dafür sieht er darin, dass Kardinal König seine Vertreterin im ÖRK, Sr. Oberin Christine Gleixner, immer wieder ermuntert hat, alles auszuschöpfen, was nur irgendwie möglich ist und nicht direkt gegen römische Regelungen verstößt. „Und sie hat es getan.“

Als die Frage anstand, ob man in Österreich – ähnlich wie in Deutschland – eine Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen gründen sollte, habe Gleixner darauf gedrängt, doch die auf nationaler Ebene erlaubte Möglichkeit eines Beitritts der katholischen Kirche zum bereits bestehenden Ökumenischen Rat anzustreben. Österreich ist seither eines der wenigen Länder, wo die katholische Kirche Vollmitglied im ÖRK ist. Viel zu dem über die Jahre hin gewachsenen Vertrauen habe auch beigetragen, so Prokschi, dass die Mehrheitskirche nie eine Vorrangstellung beansprucht habe. In diesem Klima war es auch möglich, dass die 14 Mitgliedskirchen Sr. Gleixner mehrmals zur Vorsitzenden gewählt und sie als ihre Sprecherin in den Verfassungskonvent entsandt haben. Ein weiteres Beispiel für die tragfähige und auch belastbare Basis der Zusammenarbeit sei auch das weltweit einmalige Projekt eines gemeinsamen Sozialwortes der Kirchen. „Im ÖRK wird manchmal ganz schön hart diskutiert“, meint Prokschi. „Aber wir bringen etwas weiter, weil wir gut zusammenhalten.“ Eine Herausforderung sieht Prokschi darin, junge Menschen verstärkt für die Ökumene zu interessieren. „Das geht vor allem dann, wenn sie erleben, wie sich die Kirchen gemeinsam den Problemen der Menschen im Land stellen.“
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