Der Besinnungsweg Absam–Gnadenwald in Tirol führt zwei Mal durch Schottergräben. An einem davon steht an einer Station ein großer, aufrechter Hinkelstein. Die Station steht in Verbindung mit der Seligpreisung: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt, euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ Wer hier innehält, wird eingeladen, über Erfahrungen nachzudenken, in denen man sich selbst aus der Menge herausgehoben gefühlt hat, sei es durch andere oder aus eigenem Antrieb. In der Lesung aus dem Alten Testament lesen wir von der Berufung des Propheten Jeremia. Es ist eine von vielen Berufungserzählungen in der Bibel. In so einer Situation erfährt sich der Mensch ganz besonders herausgehoben aus der Menge. Aber wie der Text hier steht, wirkt er aus meiner Sicht bedrohlich. Es klingt, als ob Jeremia gar keine Chance hätte sich gegen diesen Auftrag zu wehren. Gott hat ihn auserwählt – von Anfang an – und nun soll Jeremia funktionieren. Vor allem im mittleren Teil ist der Text voller Imperative. Doch wer den Text in einer Bibel nachschlägt, erfährt, dass Jeremia sehr wohl die Möglichkeit ergreift, einen Einwand vorzubringen. Er sagt: „Ach mein Gott und Herr, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung.“ (V. 6) Sein Einwand verhallt nicht ungehört. Gott antwortet, indem er zwar den Auftrag bekräftigt, aber auch Mut macht. Er sagt: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir, um dich zu retten.“ Und als Zeichen dafür legt Gott seine Worte Jeremia in den Mund. Das weitere Leben Jeremias verläuft alles andere als glatt. Er erlebt persönliche Verleumdung und Verfolgung ebenso wie die Belagerungen und die Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. samt der darauf folgenden Verschleppung seiner Landsleute nach Babylonien. In der Tradition der Kirche bleibt er dennoch einer der größten Propheten; seine Worte bewegen Juden und Christen noch heute.
Zum Weiterdenken
Jeremia erfährt sehr deutlich, wozu Gott ihn braucht. Der Text lädt ein, wieder einmal der eigenen Berufung nachzugehen.
Petra Bucher-Spielmannunterrichtet Religion an der HS Absam Die Autorin erreichen Sie unter - sonntag@kirchenzeitung.at