Aus der Praxis: Michael und Claudia,beide Mitte vierzig, sind nicht mehr darauf vorbereitet, plötzlich stundenlang freie Zeit zu haben. Besonders am Wochenende, wenn ihre Teenager (16, 17 und 19 Jahre) auf Achse sind, fällt ihnen geradezu schmerzhaft auf, wie wenig sie derzeit als Paar verbindet. Um das Gefühl der Leere und Sprachlosigkeit nicht aufkommen zu lassen, lenkt Michael sich mit stundenlangen Sportsendungen vor dem Fernseher ab und Claudia sucht in diversen Chatrooms im Computer nach der Nähe und dem Verständnis, das sie bei Michael zunehmend vermisst. Als die Sache auffliegt, landen sie in der Familienberatung.
Wenn aus Kindern Teenies werden, haben die Eltern wieder mehr Zeit. Aber sie müssen oft erst lernen, sie zu nutzen.
„Wir haben uns einander entfremdet“, stellen Claudia und Michael niedergeschlagen fest. Was auch kein Wunder ist, nach jahrelangem Bereitschaftsdienst für drei Kinder. Zunächst einmal gilt es, den großartigen Einsatz, den sie als Eltern geleistet haben, anzuerkennen. Keine Frage, es hat sich gelohnt. Es ist ihnen anzusehen, wie sehr sie sich über die gute Entwicklung ihrer drei Söhne freuen. Neu ist für sie die Sichtweise, dies als verbindende Gemeinsamkeit zu betrachten, zu der jeder seinen Teil beigetragen hat. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ihre Gesprächsthemen immer noch hauptsächlich um die Kinder und deren Bedürfnisse kreisen. So geht es besonders Paaren, die stressbedingt wenig Zeit miteinander verbringen und daher auch wenig Möglichkeit haben, sich auf einer tieferen Ebene auszutauschen.
Was verbindet? Michael und Claudia haben viel mehr Zeit als früher. Wenn die Kinder selbstständiger werden, braucht es wieder neue Ziele und Visionen. Jeder Einzelne für sich und gemeinsam als Paar müssen sie sich fragen: „Was möchte ich in diesem Jahr erleben? Und was verbindet uns noch als Paar, wenn das Projekt der Kindererziehung nicht mehr vordergründig ist?“ Noch ein guter Vorsatz: Das Leben wieder mit mehr Überraschungen würzen. In den vergangenen Jahren haben das ja zuverlässig die Kinder übernommen – mit Fünfer im Mathe, unangekündigten Übernachtungsgästen und Spaghettikochen um zwei Uhr morgens. Ab jetzt ist wieder genug Freiraum, dass sich das Paar Überraschungen selbst bereitet und diese genießt.
Neuen Sinn finden. Das ist insofern wichtig, weil die Zeit, in der das Paar wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist, und die gemeinsame Zeit aufgrund der steigenden Lebenserwartung noch einige Jahrzehnte dauern kann. Die Statistik zeigt, dass gerade Beziehungen, die den endgültigen Auszug der Kinder aus dem elterlichen Heim bewältigen müssen, krisengefährdet sind, wenn es dem Paar nicht gelingt, einen neuen Sinn zu finden. Unser Leben braucht immer wieder Abenteuer. Vorbei die Zeit, in der die Frau abends nur zum Yoga konnte, wenn der Mann zu Hause war – und er nur zum Handball, wenn sie die Kinder hütete. Wichtig ist, dass das Gemeinsame wirklich beiden Spaß macht. Nicht missgelaunt ausharren, um dem Partner eine Freude zu machen, sondern lieber etwas Neues versuchen. „Was möchtest du in diesem Jahr beginnen?“, „Was möchtest du verändern?“ Diese beiden Fragen sind ein Schaufenster in die Seelenlage des Partners, die so manche Überraschung bereithalten kann!
Ingrid Holzmüller Leiterin des Ehe- und Familienzentrums Feldkirch