Seit September lebt die Theologin Pia Schildmair mit vier Missionarinnen Christi (MC) im „Plattenbau“ in Jena. Für sie sind nicht nur die ersten Schritte in einer Ordensgemeinschaft spannend, sondern auch die Erfahrung, als Christin zu einer kleinen Minderheit zu gehören. Glauben in der ehemaligen DDR bedeutete, ein starkes Rückgrat haben.
Seit fünf Monaten lebe ich in Jena, einer Stadt, die 40 Jahre DDR-Geschichte hinter sich hat. Das ist zu spüren. Einerseits gibt es nur eine einzige katholische Kirche in der ganzen Stadt mit 100.000 Einwohnern. Man braucht etwa 45 Minuten, um vom „Plattenbau“, wo unsere Lebensgruppe der Missionarinnen Christi wohnt, die Kirche zu erreichen. Es ist also ein Vormittagsprogramm, einmal in den Gottesdienst zu gehen. Es sind hier nur etwa drei Prozent der Menschen katholisch, weitere 20 Prozent evangelisch.
Den Vater wiederbekommen. Während der DDR-Zeit haben manche von meinen gläubigen Freund/innen Benachteiligungen oder Beleidigungen wegen ihres Glaubens über sich ergehen lassen müssen. Etliche durften kein Abitur (Matura) machen und nicht studieren, andere wurden während der Schulzeit vor allen anderen Kindern von den Lehrkräften als zurückgeblieben und dumm gedemütigt. Eine Arbeitskollegin erzählte mir, dass sie bei der Wende so froh war, endlich wieder ihren Vater zu haben, weil dieser fast die ganze Zeit als Schikane zum Militärdienst zwangsrekrutiert wurde. Er war dann immer ein Jahr weg und dann ein, zwei Wochen da. Sie sind dann weit durch den Wald einen großen Umweg spazieren gegangen, um am Sonntag in der Früh in die Kirche zu kommen und er hatte immer gehofft, es würde ihn niemand sehen. Aber kurz danach war schon die nächste Einberufung zum Heer da. Meine Arbeitskollegin meinte, dass sie bei der Wende endlich ihren Vater wiederbekommen hat.
Ihr Leben steckt an. Ja, es sind wenige Christen hier, aber ich finde es wunderschön, wie überzeugend sie ihren Glauben leben. Da könnten wir vielleicht einiges davon lernen. Eine meiner Arbeitskolleginnen, die aus dem Westen Deutschlands kommt, hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass sie die Ernsthaftigkeit, mit der die Christen hier im Osten leben, zu ihrem Glauben zurückgebracht hat. Die Kirche in Jena war während der DDR-Zeit vor allem in Familienrunden organisiert, die sich gegenseitig besuchten, stärkten und Halt gaben. Es gibt hier etwa 30 solcher Runden.
Die Zeit danach. Ich fand die Zeit rund um die 20-Jahr-Feiern des Mauerfalls sehr spannend. Es wurde viel darüber geredet, wie die Menschen die Wende erlebten und die Jahre danach. Und für viele waren die vergangenen 20 Jahre nicht einfach. Vor allem die starke Arbeitslosigkeit, die es ja so in der DDR nicht gab, setzte den Menschen zu. Außerdem gab es in der DDR für Mütter bessere Möglichkeiten der Kinderversorgung, um arbeiten zu gehen. Viele erleben das jetzt als schwierig.
Christkind und Weihnachtsmann. Auf jeden Fall ist es spannend, mit Nichtchristen zu reden. Viele der Selbstverständlichkeiten des Glaubens muss ich dann erklären und es kommt zu lustigen Situationen. Zum Beispiel hat eine junge Christin Nichtchristen erklärt, dass in ihrer Familie für die Kinder nicht der Weihnachtsmann, sondern das Christkind kommt. Daraufhin haben diese sie ganz vorsichtig angefragt, wie denn dann Weihnachten für Christen heiße, wenn der Weihnachtsmann nicht kommt.
Vom fallenden Schnee. Während der DDR-Zeit wurde versucht, das christliche Gedankengut aus dem alltäglichen Leben zurückzudrängen. Unchristliche Weihnachtslieder wurden gemacht, alte Melodien wurden umgetextet. Das habe ich gemerkt, als ich mit einer Freundin am Weihnachtsmarkt stand und wir beim Turmblasen zuhörten. Da sagte sie zu mir: „Das sind ja lauter DDR-Weihnachslieder. Zum Beispiel dieses: ,Es ist für uns eine Zeit angekommen …‘“ und ich schaute sie groß an und sagte: „Was? Das ist doch ein christliches Lied par excellence, bei dem es heißt ,unser Heiland Jesus Christ, der für uns Mensch geworden ist!‘“ Daraufhin schaute sie mich groß an und sagte, nein, diesen Text kenne sie nicht, ihr Text handelt vom fallenden Schnee … Weihnachten hieß auch nicht mehr Weihnachten, sondern das „Fest der Familie“ oder das „Fest der Liebe“.
Fragen und Antworten. Es ist eine spannende Herausforderung, mit Menschen, die nicht glauben, religiöse Themen zu besprechen. Da muss ich anfangen, neu zu definieren und das macht es in gewisser Weise leichter. Als ich zum Beispiel auf der Palliativstation zu arbeiten anfing, haben die Missionarinnen Christi zu mir gesagt, ich solle am Anfang nicht alles sagen, was ich mache, da ich sonst die Leute vor den Kopf stoßen könnte, sondern schön langsam meine Situation erklären, wenn die Leute fragen. Und so habe ich auf die ersten Fragen, was ich auf der Palliativstation mache, gesagt, ich bin Praktikantin. Für die meisten hat es dann schon gereicht. Ein paar Tage später kam die Frage, ob ich Medizin studiere und ich sagte, nein, man könne das, was ich mache, eher mit einer Auszeit vergleichen und ich mache eine spirituelle Ausbildung. Dann wurde ich mal gefragt, ob ich einen Freund hätte. Ich sagte nein, ich wohne in einer Frauen-WG. Als sie dann fragten, warum ich am Morgen immer erst um 9 Uhr kommen könne, sagte ich, weil es eine spirituelle Frauen-WG sei und wir jeden Morgen miteinander meditierten. Dann wurde ich gefragt, wie die spirituelle Ausbildung heiße, ich meinte „Postulat“. (Damit kann natürlich hier niemand etwas anfangen …) Als dann ein paar noch weiter nachfragten, was das sei, erklärte ich es ihnen und dann meinten sie: „Also so etwas wie ein Kloster?“ und dann kamen wir ins Gespräch über die Missionarinnen Christi, aber auf einer Ebene, auf der sie es nehmen und akzeptieren konnten.
Im Sterben begleiten. Meine Tage sind stark davon geprägt, dass ich auf der Palliativstation und im ambulanten Palliativteam arbeite und seit Jänner im Hospiz. Es ist eine herausfordernde Arbeit, dauernd mit unheilbar kranken Menschen zu sein bzw. auch Menschen und ihre Angehörigen beim Sterben zu begleiten. Andererseits ist es auch schön, zu sehen, wie dankbar die Menschen sind, wenn wir ihnen helfen, die letzten Tage und Wochen würdevoll zu gestalten. Vielen tut es gut, einfach reden zu können, oder wenn ich schweigend bei ihnen sitze, oder wenn sie weinen können.
- Weitere Infos: www.missionarinnen-christi.de
Zur Person
Eintauchen in die Liebe Gottes
„Suche den Ort, wo dein Herz zur Ruhe kommt!“ Das war vor vielen Jahren die Antwort einer Ordensschwester, als ich sie um Rat bei der Suche nach meinem Weg fragte. Jetzt merke ich, dass ich innerlich in den letzten Monaten Frieden und Weite gefunden habe in der Zeit meines Postulates (Zeit des gemeinsamen Lebens und Kennenlernens vor dem Noviziat) bei den Missionarinnen Christi in Jena.
Es ist für mich ein Eintauchen in die Liebe Gottes, das spüre ich in den gemeinsamen Zeiten der Stille und des Gebetes, aber auch im Lachen miteinander und im Teilen des Lebens, sowie in meiner Arbeit mit Schwerkranken und Sterbenden im Hospiz. Auch wenn es immer wieder eine Herausforderung ist, in einer kleinen Schwesterngruppe zu leben, finde ich es schön, dass ich mich hier über mein Sein definieren darf und nicht so sehr über das Tun. Ich entdecke Seiten an mir, die ich noch nicht kannte.
Ich erlebe in dieser Gemeinschaft, was es bedeutet, respektvoll miteinander umzugehen. Ich erlebe starke Frauen, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und sich in verschiedensten Weisen in unserer Welt einbringen. Besonders schön finde ich es auch, dass es eine internationale Gemeinschaft ist, ein weltverbindendes Miteinander von Frauen aus Südafrika, dem Kongo, Brasilien, Österreich und Deutschland.
Aber das Zentrale dabei ist das gemeinsame Suchen nach Gott. Ja, ich suche Gott und liebe ihn – oder besser gesagt: Ich versuche es, Gott und die Menschen immer mehr zu lieben und mich von ihm lieben zu lassen. Diese Beziehung zu Jesus Christus, sie ist das Zentrum meines Lebens und Glaubens und der Grund unserer Gemeinschaft. Auf ihn will ich vertrauen.