„Das Käthchen von Heilbronn“ in den Linzer Kammerspielen
Ausgabe: 2010/05, Das Kätchen von Heilbronn, Kammerspiele, Kampf, Menschen, Kätchen
03.02.2010
Traum und Wirklichkeit begegnen sich im Klassiker „Käthchen“ von Heinrich von Kleist auf gleicher Ebene, beide sind stark und bestimmend für die Entwicklung der Lebenswege. Die neue Inszenierung am Landestheater Linz bringt die vielschichtigen Dimensionen glaubwürdig und mit Witz auf die Bühne.
In „Käthchen von Heilbronn“ dringt der deutsche Dramatiker Heinrich von Kleist (1777 bis 1811) unter die Oberfläche der Vernunft und erkundet die Rätsel der Traumwelten. Kleist lässt seine Figuren aussprechen, was sie im Innersten fühlen und denken. Käthchen ist für Kleist „die Kehrseite der Penthesilea, ihr anderer Pol, ein Wesen, das ebenso mächtig ist durch gänzliche Hingebung, als jene durch Handeln“, so legt Kleist sein „Käthchen“ an.
Raum für Phantasie. Mächtig durch Hingabe – ein Gedanke, der in dieser Inszenierung gut umgesetzt wurde. Regisseur Ingo Kerkhof lässt viel Raum für Phantasie. Die Figuren sind ohne Firlefanz gezeichnet und gehen in ihren langen Monologen auf. Das liegt zum Gutteil an Kleists Original-Sprache mit vielen Schachtelsätzen, in die man sich erst langsam hineinhören muss. Das verlangt vom Publikum durchaus viel Aufmerksamkeit. Die Textkürzungen bringen hier inhaltliche Dichte und verhindern unnötige Längen. 100 Minuten ohne Pause entführen in menschliche Tiefen und decken Hintergründe menschlicher Taten auf, die nicht immer so edel sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen.
Willenlos und stark. Die Figuren – allen voran Graf Wetter von Strahl (Konstantin Bühler) und Käthchen (Barbara Nowotny) – entwickeln ein starkes Eigenleben. Graf Wetter ist herrisch, ein scharfer Denker, der von emotionalen Schüben hin- und hergebeutelt wird. Er lässt Käthchen wie eine Marionette vorführen, ist an anderer Stelle berührt von ihren Träumen, die den seinen gleichen. Käthchen erscheint zart und willenlos, gleichzeitig eigensinnig und auf subtile Weise stark. Das karge Bühnenbild (Florian Parbs) fordert das Publikum heraus. Es muss selbst die Bilder für Burgen, Schlösser, gebirgige Landschaften erschaffen – eine Idee, die wunderbar funktioniert. Das ganze Ensemble wirkt gut aufeinander eingespielt, die Übergänge in den zahlreichen Szenenwechseln, die ohne große Umbauarbeiten stattfinden, sind fließend. Ein spannender Theaterabend mit unerwarteten Wendungen.
Inhalt: „Das Käthchen von Heilbronn“ oder die Feuerprobe
Schwaben im Mittelalter – Graf Wetter vom Strahl muss sich vor einem Femegericht verantworten. Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn beschuldigt ihn, seine Tochter Käthchen verhext zu haben.
Das 15-jährige Mädchen folgt dem Ritter, seit es ihn das erste Mal sah, auf Schritt und Tritt. Eine Fehde mit dem Rheingrafen, angestiftet von Kunigunde von Thurneck, lenkt Graf vom Strahl allerdings zunächst von diesem Problem ab. Er kommt zu dem Entschluss, Kunigunde zu heiraten, da ihm im Traum eine kaiserliche Braut verheißen worden war. Der Rheingraf plant einen Anschlag auf Kunigunde und ihren neuen Bräutigam. Käthchen erfährt zufällig davon, will den Grafen warnen, wird aber zurückgewiesen. Kunigunde ist beunruhigt von der merkwürdigen, spürbaren Nähe zwischen Graf Wetter und Käthchen. Als die Burg des Grafen beim Angriff in Flammen aufgeht, wird Käthchen von Kunigunde veranlasst, ein Futteral aus dem Feuer zu retten, das angeblich des Grafen Bild, in Wahrheit wertvolle Besitzurkunden enthält. Hierdurch wird Kunigundes Habgier und Heuchelei entlarvt. Dem schlafenden Käthchen entlockt der Graf vom Strahl Unbewusstes: Er selbst werde das Käthchen bald heiraten. Da ihre sonstigen Äußerungen mit seinem Traum übereinstimmen, beschließt er, ihrer wahren Herkunft auf den Grund zu gehen … In einer märchenhaften Ereigniskette von Ritterfehde über Burgbrand zu Giftanschlag offenbart sich das spannungsreiche Verhältnis zweier Menschen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, deren heimliches Band aber der Traum bildet.