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Arbeitslos: viele Leute verkriechen sich

Die Rekordarbeitslosigkeit ist auch eine Herausforderung für die Kirchen
Ausgabe: 2010/06, Arbeitslosigkeit, Rekordarbeitslosigkeit, Schulungen, Visionen, Martina Lainer, Christian Winkler, Sozialstaat, Kirche, Winkler Christian, Betriebsseesorgerin, Kirchengemeinden, Christian Vollmann, Job-suchend, Netzwerk, Hans Hössinger, KAB, Netz
10.02.2010
- Hans Baumgartner
Noch nie seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren waren so viele Menschen arbeitslos: 402.692 Jobsuchende wurden im Jänner gezählt – und 23.354 offene Stellen. „Aber noch immer ist Arbeitslosigkeit ein Stigma, schlimmer als Armut“, sagt die Betriebsseelsorgerin Martina Lainer.

Die Wirtschaftskrise treibt die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Und während die Banken schon wieder Morgenluft wittern, sehen die Experten für den Arbeitsmarkt noch keine Entspannung. Christian Winkler von der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung der Diözese Linz sieht darin auch eine Herausforderung für die Kirchen. Den Weg sieht er im Sozialwort der Kirchen vorgezeichnet: „Solidarität konkret leben, Arbeitslosen ein Netzwerk von Hilfe anbieten und dabei besonders jene beachten, die aus der Gesellschaft hinausgedrängt zu werden drohen. Gleichzeitig“, so Winkler, „müssen sich die Kirchen auch verstärkt in die öffentliche Debatte über die Zukunft der Arbeit einmischen.“

Unsichtbar. „Die Kirche kann und soll den Sozialstaat nicht ersetzen“, betont Winkler. „Aber wir sollen die Sorgen und Nöte mit den Menschen teilen, auch mit den Arbeitslosen.“ Diese Aufgabe wahrzunehmen, sei gar nicht so einfach, sagt die Betriebsseelsorgerin Martina Lainer. „Obwohl wir wissen, dass in unserer Region (Bezirk Braunau) in den vergangenen Monaten viele Menschen ihre Arbeitsstelle verloren haben, merken wir das in unserer Arbeit kaum. Die Betroffenen verkriechen sich eher, ziehen sich zurück. Wir bekommen das oft nur mit, weil uns Ehefrauen, Nachbarn oder Leute, die wir kennen, davon berichten, dass der oder die auch arbeitslos ist oder dass in dieser Siedlung fast kein Haus ist, wo nicht jemand von den Entlassungen bei KTM betroffen wäre.“ Arbeitslos zu sein, so Lainer, sei gerade in ländlichen Gegenden noch immer ein Stigma – so als ob man selber schuld wäre, ja, ein Versager wäre. „Das ist für viele schlimmer, als arm zu sein“, erzählt Lainer eine eindrückliche Erfahrung. „Als wir im vergangenen Herbst mit einer wöchentlichen Lebensmittelausgabe für Bedürftige begonnen haben, kamen viele, die gesagt haben, dass sie Hilfe brauchen. Die Arbeitslosen hingegen kommen mit ihren Nöten und Ängsten nur selten, nicht einmal, um darüber zu reden.“

Starke Knoten. „Unsere Kirchengemeinden sind in der Regel nicht die Orte, wo sich die von der Arbeitslosigkeit hauptsächlich betroffenen Bevölkerungsgruppen beheimatet fühlen. Da gibt es eine gegenseitige Hilflosigkeit und Fremdheit“, stellt Hubert Gratzer vom „Treffpunkt Mensch und Arbeit“ in Linz fest. Deshalb hält er kirchliche Einrichtungen für wichtig, die in der Welt der Arbeit gut vernetzt sind. „Das macht nicht nur für viele die Schwellen niedriger. Es hilft uns auch, starke Knoten in einem sozialen Netz zu sein, wenn es darum geht, Menschen, „die nach vielen vergeblichen Anläufen oft schon recht verzagt zu uns kommen, weiterzuhelfen.“ Es gehört zu den „Markenzeichen“ kirchlicher Einrichtungen im Bereich Arbeit, dass sie mit den verschiedensten Stellen – vom AMS und den diversen Ämtern bis zu den Gewerkschaften und Arbeitsloseninitiativen – gut vernetzt sind. „Und es wird auch durchaus positiv wahrgenommen, wenn wir gemeinsam mit Betriebsräten, Gewerkschaftern etc. für sozial gerechte Lösungen eintreten“, erzählt Michael Bernert von der kirchlichen Arbeitsloseninitiative „aus:Zeit“ in Salzburg. Über Wochen haben dort Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche an den Krisengesprächen anlässlich der Schließung der Hallein-Papier teilgenommen. Nun will man gemeinsam einen Arbeitslosentreff anbieten.



Zur Sache


Es fehlen Visionen für „gute Arbeit“

Die Diözesen in Österreich betreiben über die Caritas, über Arbeitslosenfonds oder die Betriebspastoral eine ganze Reihe von Projekten, in denen arbeitslose Männer, Frauen und Jugendliche unterstützt werden. Viele dieser Angebote setzen bewusst dort an, wo die öffentlichen Maßnahmen aufhören oder nicht greifen.
„Als Kirche haben wir die Aufgabe, uns vor allem um jene Leute zu kümmern, die es aufgrund verschiedener Lebensumstände besonders schwer haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, betont Christian Winkler von der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung Linz.

Ebenso wichtig ist Winkler aber auch, „dass wir uns als Kirche stärker an der Debatte beteiligen, wie denn gute Arbeit in Zukunft organisiert werden kann. Was nützt es, wenn das AMS weitere 1,2 Milliarden Euro für Schulungsmaßnahmen bekommt, wenn es die Arbeitsplätze nicht gibt und der Wettbewerb um die bestehenden zunehmend härter wird.“ Winkler vermisst mittelfristige Perspektiven und Visionen zum Umbau der Arbeitswelt. „Wir hätten genug Arbeit, wenn ich nur an die Pflege oder die Kinderbetreuung und Bildung denke. Aber wir müssen diese Arbeit auch bezahlen wollen. Und bisher“, so Winkler, „ist die Politik taub für alle Vorschläge, wie sie von der Caritas u. a. gemacht werden.“

Christian Winkler ist Geschäftsführer der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung Linz.



Das ist ein „gutes Stück“ von Kirche


Eigentlich funktioniert es ganz einfach: Da gibt es Menschen, die Arbeit suchen – und dann gibt es welche, die die Augen und Ohren offen halten, wo es Arbeit geben könnte. Und alle sechs Wochen treffen sie sich.

Als Ende der 90er Jahre die Arbeitslosigkeit deutlich anstieg, klingelte bei Hans Hössinger immer öfter das Telefon. Und am anderen Ende der Leitung waren Menschen, die mit ihm über ihre Arbeitslosigkeit reden wollten, über das Loch, in das sie gefallen sind, und über die Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden. Der damalige Diözesansekretär der Katholischen Arbeitnehmer/innen-Bewegung (KAB) von St. Pölten sah in dieser Entwicklung eine Herausforderung für die Kirche und gründete das „Netzwerk der Solidarität“. Dabei setzte er vor allem auf die guten lokalen Strukturen (starke KA etc.) der Kirche in Niederösterreich. Seither konnten allein über diese Schiene 1500 Menschen eine neue Arbeit finden, darunter nicht wenige, die von den „Arbeitsämtern“ (AMS) geschickt wurden.

Kernstück Runden. Das Netzwerk arbeitet mit zwei Methoden: Da gibt es einerseits die Möglichkeit der Einzelberatung und Begleitung für Arbeitsuchende und andererseits die sogenannten „Netzwerkrunden“. „Sie sind das Kernstück unserer Arbeit, nicht nur was den Erfolg angeht, sondern auch als Beispiel für gelebte Solidarität“, sagt der neue Netzwerk-Leiter Christian Vollmann. Und er erzählt von einem jungen Mann, der zu ihm kam, obwohl er von der Kirche nichts hielt. „Als er dann merkte, wie wir uns wirklich für ihn bemüht haben, meinte er, das sei wohl ,ein gutes Stück von Kirche‘.“
In zehn Städten und Gemeinden treffen sich ca. alle sechs Wochen Arbeitslose aus der Gegend mit ehrenamtlichen Rundenmitarbeiter/innen. „Diese kommen aus den verschiedensten Berufsfeldern von Firmenchefs bis zu Handwerkern, Beamten, Sozialarbeitern oder Psychologen. „Es ist kein Problem, die Leute zu finden, die für Arbeitslose ihre Augen und Ohren offen haben und ihre Erfahrung und Kompetenz einbringen“, freut sich Vollmann. Die Netzwerkrunden sind so etwas wie eine informelle Jobbörse. „Die Arbeitslosen erzählen, was sie suchen und können und die anderen geben ihnen Tipps, wo es eventuell Arbeit gäbe, oder sagen ihnen, dass sie da und dort für sie nachfragen. Außerdem sind diese Treffen“, so Vollmann, „Orte, wo Arbeitslose geschützt auch über ihre persönliche Lage reden können. Schon das hilft vielen, weil Arbeitslosigkeit immer noch ein Tabu ist.“

Jugend im Blick. Nachdem zunehmend mehr Jugendliche beim Einstieg in die Ausbildung oder bei der Arbeitssuche Probleme hatten, gründete das Netzwerk ein zusätzliches „young-net“. Ein neues Jugendprojekt hat vor kurzem auch die Arbeitslosenstiftung Linz gestartet. „Wir reagieren damit nicht nur auf die steigende Jugendarbeitslosigkeit, sondern auch darauf, dass immer mehr Jugendliche nicht fähig sind, sich in der Arbeitswelt mit ihren Regeln und Anforderungen zurechtzufinden“, sagt Christian Winkler. „ju-can“ will den Jugendlichen Zeit und Raum geben, die notwendigen persönlichen, sozialen und berufsorientierten Kompetenzen zu erwerben. Ein ähnliches Ziel verfolgt die KAB-Eisenstadt mit ihrem „integrativen“ Zehn-Monats-Kurs für arbeitslose junge Frauen, der heuer bereits zum vierten Mal läuft. In Braunau bereitet Dekanatsjugendleiterin Waltraud Menghin zurzeit das Projekt MUT als ganzheitliches Angebot für Arbeit suchende Jugendliche vor. Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen bekommen durch das Projekt „WorkOut“ der Emmausgemeinschaft St. Pölten Unterstützung beim Einstieg in die Arbeitswelt.



Fakten


- Rekord. Ende Jänner waren in Österreich 402.692 Menschen als Job-suchend gemeldet. Das sind um 13,4% mehr als im Vorjahr und um 20.000 mehr als im bisherigen „Rekordjahr“ 2006. Erstmals seit Jahren sank die Zahl der Beschäftigten auf 3,3 Millionen (minus 1,2%). Prozentuell – nicht in absoluten Zahlen – war die Arbeitslosigkeit im Jänner 1999 und 2006 noch höher (2010 – 8,9%, 2006 – 9,35%).

- Jugend. Auch in Österreich ist die Jugendarbeitslosigkeit trotz Ausbildungs- und Beschäftigungszusage der Regierung stark gestiegen. Mit 10,2 Prozent ist sie aber deutlich niedriger als im EU-Schnitt (20,7%); Spanien 44%, Italien 26,5%, BRD 10,5%.


Christian Vollmann leitet seit Jahresbeginn das Netzwerk der Solidarität in St. Pölten. Zuvor hat der Sozialtherapeut das „young-net“ aufgebaut.
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