Die Leiterin der Bibliotheksfachstelle der Diözese Linz, Maria Fellinger-Hauer, stellt in der Reihe „Literatur in der KirchenZeitung“ drei Buch-Neuerscheinungen aus Österreich vor.
Alfred und Sally sind ein ungleiches Paar. Trotzdem sind sie seit 30 Jahren verheiratet, haben drei fast erwachsene Kinder und führen ein bürgerliches Leben in angenehmem Wohlstand. Alfred, Museumskurator von Beruf und im Inneren ein von seiner Herkunft bestimmter Landmensch, scheint anspruchslos in seinen Wünschen und ziemlich sicher, dass es gut ist, so wie es ist. Sally, Lehrerin an einem Wiener Gymnasium, ist von Natur aus anders. Emanzipiert, vital, neugierig und offen für das Unerwartete. Emotionale und sexuelle Treue hält sie für unrealistisch und für eine „Erfindung alter Männer“, was nicht heißt, dass sie ihren Mann nicht liebt. Aber eben nicht immer und nicht immer mit der gleichen Intensität der Gefühle. Ein Einbruch in ihr Haus, der die beiden frühzeitig aus dem Urlaub zurückruft, gibt der Geschichte die Dramatik. Alfred reagiert mit Depression, Sally mit Ausbruch in einen Seitensprung.
Auf 360 Seiten gelingt es Geiger, die Vielschichtigkeit dieser Beziehung zu zeigen – und dass es trotz allem immer auch ganz anders kommen kann als erwartet. Zur Trennung kommt es nicht. Vor über 100 Jahren lässt der Menschenkenner Anton Tschechow einen seiner Protagonisten diesen Satz sagen:„Bis heute ist über die Liebe nur eine unbestreitbare Wahrheit gesagt worden, und zwar folgende: ,Dies Geheimnis ist groß.‘“ Das Beste an Arno Geigers Roman ist, dass auch er das Geheimnis nicht wirklich entschlüsselt.
Arno Geiger: Alles über Sally. Roman Hanser: Wien 2009 Euro 21,50
Ginge es nach der Statistik, dann dürfte Steffi gar nicht existieren: Dann hätte ein Arzt im Rahmen des Schwangerenuntersuchungsprogramms die Diagnose Down-Syndrom gestellt und ihrer Mutter eine Abtreibung nahegelegt. Doch Steffi, so scheint es, hat diese Logik erfolgreich hintertrieben und ist da, samt ihrem atypischen Chromosom. Ludwig Laher ist durch realistische Erzählungen wie „Herzfleischentartung“ oder „Und nehmen was kommt“, in denen er anhand von Einzelschicksalen politisch brisante Themen bearbeitet, hervorgetreten. So auch diesmal. „Einleben“ ist auf den ersten Blick eine Familiengeschichte. In der für ihn typischen nüchternen, präzisen, fast protokollhaften Sprache erzählt Laher von den Herausforderungen, mit denen Eltern konfrontiert sind, die ein „Nichtstandardkind“ mit sich bringt – und die so verschieden von den „normalen“ elterlichen Herausforderungen gar nicht sind. Ohne moralischen Zeigefinger stellt er auch Fragen, die uns alle und damit die Gesellschaft angehen. Zum Beispiel nach dem sprachlichen Umgang mit dem Phänomen oder nach den ethischen Konsequenzen der modernen Pränataldiagnostik.
Ludwig Laher Einleben. Roman Haymon: Innsbruck 2009 Euro 17,90
„Magdalenaberg“ erzählt von Joseph, einem jungen Mann vom Land, der studiert hat und seine Diplomarbeit fertigbringen soll. Doch nach dem Unfalltod seines Bruders Wilhelm stellen sich ihm ganz andere Lebensfragen. Die Geschichte spielt – wie bereits Kaiser-Mühleckers erster Roman – in der unmittelbaren Herkunftsgegend des Autors. Wieder ist es eine ruhige, undramatische, von genauer Beobachtung geprägte Erzählung. Die entscheidenden Dinge werden nicht inszeniert, sie geschehen. Joseph ist weniger Akteur als einer, dem das Leben widerfährt und der über das Geschehene nachdenkt. Ein Buch gegen den Zeitgeist.
Reinhard Kaiser-Mühlecker Magdalenaberg. Roman Hoffmann und Campe: Hamburg 2009 Euro 18,–