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Mit Kraft aus dem Urvertrauen

Den Aufstieg wagen - Expedition Fastenzeit - Serie Teil 2 von 7 - mit Gerlinde Kaltenbrunner
Ausgabe: 2010/08, Fastenzeit, Fastenzeit 2010, Expedition Fastenzeit, Aufstieg, Urvertrauen, Umkehr, Gefahr, Berg, Lawine, K2, Dhaulagiri, Gerlinde Kaltenbrunner, Spital am Pyhrn, Bergsteigen
24.02.2010
- Interview: Matthäus Fellinger


Nicht der Ehrgeiz, es als Erste geschafft zu haben, sondern die Leidenschaft für die Berge treibt Gerlinde Kaltenbrunner zu erstaunlichen Leistungen. Manche halten sie für die weltbeste Höhenbergsteigerin. Doch was Gerlinde Kaltenbrunner besonders auszeichnet, ist, dass sie erkennt, wann es Zeit zur Umkehr ist.

In der Fastenzeit geht es auch um das Thema „Umkehr“. Sie sind als Bergsteigerin wiederholt vor der Situation gestanden, dass Sie umkehren mussten. Können Sie eine solche Situation beschreiben?

Gerlinde Kaltenbrunner: In besonderer Erinnerung ist mir die Umkehr am Lhotse. 100 Höhenmeter fehlten noch zum allerhöchsten Punkt. Der Gipfel war zum Greifen nahe und dennoch entschieden wir uns zur Umkehr. In der Nacht zuvor gefallene 30 Zentimeter Neuschnee auf Blankeis in Kombination mit der sehr fortgeschrittenen Tageszeit erschien uns als zu gefährlich. Das Risiko, nicht mehr ins Basislager zurückzukehren, war einfach zu groß. Eine ganz kleine Unachtsamkeit hätte bereits dafür genügt. Die Entscheidung war mir damals nicht leichtgefallen. Im richtigen Moment umkehren zu können, gehört aber einfach dazu, um beim Bergsteigen alt zu werden.

Was spielt sich in Ihrem Kopf ab, wenn Sie zur Einsicht gelangen: Jetzt muss ich umkehren?

Ich versuche die Situation realistisch einzuschätzen. Mein „Bauchgefühl“ schwingt bei solchen Entscheidungen immer mit. Sehe ich, dass Umkehren für mich das einzig Richtige ist, konzentriere ich mich sofort auf den bevorstehenden Abstieg. Dann denke ich nicht mehr darüber nach, ob ich eventuell doch anders entscheiden hätte sollen. Wenn ich das Basislager gesund und gut erreicht habe, schleicht sich meistens sofort der Gedanke an ein nächstes Mal ein.

Würden Sie demgegenüber auch ein „Gipfelerlebnis beschreiben, das für Sie unbeschreiblich war?

Die letzten Meter zum Gipfel des Kangchendzönga (8587 m) waren für mich ein Gefühl der absoluten Erfüllung. Nach langer, konsequenter Vorbereitung, starker Motivation, immer wieder auch Zweifeln, den höchsten Punkt des „Kangch“ zu erreichen, löste das in mir ein starkes Gefühl der Dankbarkeit aus. Im richtigen Augenblick, riss die Wolkendecke auf, alle Gipfel rundum lagen unter uns, unbeschreiblich!

Als Bergsteigerin gehen Sie an die Grenzen des für Menschen Vorstellbaren – und zwar freiwillig. Haben Sie dabei auch Angst? Und wie gehen Sie damit um?

Erst möchte ich vorausschicken, dass das, was für andere Menschen unvorstellbar ist, für mich zum Leben dazugehört, ich bin langsam in diese „Extreme“ hineingewachsen. Grundsätzlich bin ich keine ängstliche Person. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen ich Angst verspüre. Diese Angst nehme ich bewusst wahr und lasse sie zu. Mittlerweile weiß ich, dass sie mich ein Stück davor schützt, meine Grenzen zu überschreiten.

Einen Gipfel nicht erreicht zu haben, wird von vielen als „Scheitern“ bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Solange ich nach einer Umkehr kurz vorm Gipfel wieder gut und gesund ins Basislager komme, ist das für mich nicht „Scheitern“. Würde ich oder einer meiner Teamkollegen nicht mehr zurückkehren, dann sehr wohl.

Was lässt Sie menschlich mehr wachsen: das Scheitern oder das Gelingen?

Das Nicht-Gelingen gehört mit dazu. Es lässt einen „am Boden“ bleiben. Diese Erfahrungen brauche ich unbedingt, um auf der anderen Seite wieder vorwärtszukommen. Ohne Rückschläge würde wahrscheinlich auch die Wertschätzung für das Gelungene ein Stück weit fehlen.

Sie verstehen sich als gläubige Christin. Spüren Sie das auch am Berg – und sonst im Leben?

Die Schöpfung zeigt sich mir vor allem in der Natur in ihrer Ursprünglichkeit. Sie lässt mich oft spüren, wie klein wir menschlichen Lebewesen sind im Vergleich zum großen Ganzen.
Auf Expedition sowie im täglichen Leben spüre ich ein gewisses Urvertrauen, das mir Kraft gibt für die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens.

Sie sind verheiratet mit einem Mann, der ebenfalls Extrembergsteiger ist. Haben Sie Angst um ihn, wenn er ohne Sie unterwegs ist? Sind Sie besonders angespannt in solchen Situationen?

Glücklicherweise sind wir sehr oft miteinander unterwegs. Wenn wir getrennt Unternehmungen starten, ist natürlich ein Stück weit die Sorge um den Partner mit dabei. Im Vordergrund steht trotzdem das Vertrauen in seine Fähigkeiten und seine Vernunft und die daraus resultierenden guten Entscheidungen.

Haben Sie Angst vor dem Tod? Was bedeutet er für Sie?

Nicht vor dem eingetretenen Tod selbst, dieser gehört für jeden von uns dazu.Was ich mir nicht vorstellen möchte ist, auf grausame Art mein Leben beenden zu müssen.
Der Tod bedeutet für mich Abschiednehmen vom irdischen Leben.Sehen Sie für das Leben der Menschen auf der Welt auch „Umkehr“ angebracht?

Der täglich steigende Konsum an Luxusgütern, Nahrungsmittel, Natur und Bodenschätzen führt irgendwann unweigerlich zum Kollaps unserer Erde. Deshalb ist in vielen Bereichen ein Schritt zurück dringend angebracht.




Nächste Folge: Der aus Indien stammende Priester Sebastian Edakarottu zum Thema „Mit Bergen glauben”.





Zur Person


Gerlinde Kaltenbrunner wurde 1970 geboren und wuchs in Spital am Pyhrn auf. Heute lebt sie mit ihrem Mann Ralf Dujmovits im Schwarzwald. Zum Bergsteigen ist sie über ihren Heimatpfarrer Erich Tischler, der Gerlinde nach der Sonntagsmesse gerne auf seine Touren mitnahm, gekommen.

Mit 23 Jahren bestieg Gerlinde Kaltenbrunner ihren ersten Achttausender, den Broad Peak. Bis 2009 schaffte sie bereits 12 der 14 Achttausender. Der K2 zwang Kaltenbrunner zweimal zur Umkehr.

Bis 2003 übte sie ihren Beruf als Krankenschwester aus, seither ist sie Profibergsteigerin. Die Regionen, in die sie kommt, liegen ihr auch am Herzen. So unterstützt sie mit ihrer „Nepalhilfe“ den Bau einer Schule in Thulosirubari.





MEINE FASTENZEIT


Impuls


„Man muss im richtigen Moment umkehren können“, meint Gerlinde Kaltenbrunner. Für die zweite Fastenwoche regen wir an, jene Bereiche ausfindig zu machen, in denen Umkehr angebracht ist.

Mit welchen Lebensgewohnheiten schade ich mir selbst oder schade ich anderen (Konsum, Trinken, Verkehrsverhalten, Umgang mit anderen Menschen)?

Bei einer von diesen Gewohnheiten versuche ich tatsächlich etwas zu ändern. Ich habe noch die ganze Fastenzeit die Gelegenheit, mich umzugewöhnen.




Eine gute Zeit


Christine Gschwandtner aus Bad Ischl schreibt über ihre Fasten-Erfahrungen:

Eigentlich bemühe ich mich immer bewusst zu essen und zu leben. Es ist nicht leicht, man hat so seine „Schnitzer“, aber die Fastenzeit ist schon etwas Besonderes. In dieser Zeit geht es mir nicht nur darum, auf Alkohol, Naschwerk oder gutes Essen zu verzichten, vielmehr nehme ich mir vor, für andere Menschen da zu sein. Aufmerksam sein, hinhorchen, mir Zeit nehmen für ein Gespräch. Nichts kann so wichtig sein, wenn z.B. jetzt in diesem Augenblick jemand mich braucht. Sehr gerne gehe ich in der Fastenzeit den Kreuzweg auf unseren Kalvarienberg und nehme anschließend an der Messe teil. Die Liebe zu Jesus Christus wird da so richtig spürbar. Einige Tage versuche ich richtig zu fasten, ich gehe viel spazieren und halte Stille. Die Fastenzeit ist eine gute Zeit für mich und meine Familie, da ich viel mehr Gelassenheit spüre.

Schreiben auch Sie uns ihre Erlebnisse zum Thema Fasten: leserbriefe@kirchenzeitung.at
Betreff „Meine Fastenzeit“.



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