Man konnte nach den letzten Regiearbeiten von Clint Eastwood einiges erwarten. Doch „Invictus“, der 30. Film des 80-jährigen US-Regisseurs, kann dem Genre des Sportfilms keine neuen Facetten abgewinnen. „Invictus“ (unbezwingbar) leitet sich von einem Gedicht William Ernest Henleys ab, das Nelson Mandela während seiner Inhaftierung als seelischer Balsam diente. Es fokussiert einen besonderen Moment der Präsidentschaft Mandelas. 1990 aus dem Gefängnis entlassen, 1994 zum Präsidenten von Südafrika gewählt, sieht Mandela die bevorstehende Rugby-Weltmeisterschaft (Juni 1995), die in Südafrika veranstaltet wird, als große Chance, das Land zu einen, das sich noch immer durch die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in einer prekären Situation befindet.
Schwarz und Weiß feiert gemeinsam. Mandela verfügt über das pädagogische, psychologische und politische Fingerspitzengefühl, das Sportereignis zur Versöhnung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung auszunützen. Matt Damon verkörpert Francois Pienaar, den Kapitän der „Spríngboks“, wie die Mannschaft genannt wird. Diese wird von der schwarzen Bevölkerung gehasst, weil sie als Symbol für die langjährige Unterdrückung gilt. Pienaar fungiert in der Folge als verlängerter Arm für das Projekt Mandelas und die südafrikanische Rugby-Nationalmannschaft, in der nur ein Schwarzer spielt. Diese gewinnt völlig überraschend den WM-Titel gegen die bis dahin als unschlagbar geltende Mannschaft der „All Blacks“ aus Neuseeland. Zum ersten Mal feiert Schwarz und Weiß gemeinsam auf den Rängen des Stadions und in den Straßen und Bars des ganzen Landes.
Individualist Mandela. Morgan Freeman war es, der Eastwood auf John Harlins Buch „Playing the Enemy: Nelson Mandela and the game that changed a nation“ aufmerksam gemacht hat. Freeman spielt Mandela und hat sich akribisch den besonderen Akzent von Mandela angeeignet. Er bewegt sich mit gewohnt stoischer Gelassenheit durch den Film. Mandela ist ein Individualist, der sich gegen die Erwartungen des Establishments stellt. Er vergibt seinen Kerkermeistern, entlässt wider Erwarten das Personal des weißen Vorgängers nicht und zwingt seine Leibgarde, mit den weißen Kollegen zusammenzuarbeiten. Seine Vergebungsobsession stößt gerade auf schwarzer Seite auf Widerstand. Doch er zieht unbeirrt sein Projekt durch. Auch dass sein Familienleben scheitert (seine Frau lebt getrennt von ihm, die älteste Tochter lehnt ihn ab), entspricht der Rolle vieler Vaterfiguren im Werk Eastwoods, die sich zwischen Geltungsdrang und Vaterpflicht aufreiben.
Politik bedient sich des Sports. Fragwürdig ist der Film aber in seiner Darstellung von Sport als verlängertem Arm der Politik. Rugby wird zum Vehikel der nationalen Versöhnung. Auch angesichts aktueller patriotischer Attitüden, wie sie bei Olympischen Winterspielen gerade in einem Land wie Österreich tagtäglich medial transportiert werden, überkommt einem ein gewisses Unbehagen, was solcheInszenierungen betrifft. Der Film endet mit einer ausgesprochen pathetischen Handshake-Sequenz zwischen Mandela und Pienaar, so als wären alle Probleme im Land gelöst. „Invictus“ ist ein gut gemeinter, aber kein gut gemachter Film, im Gesamtwerk von Eastwood bestenfalls eine Randnotiz, die keine Spuren hinterlassen wird.