Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen erschüttert nicht nur in Irland und Deutschland die Glaubwürdigkeit der Kirche. Pfarrer Helmut Schüller setzt sich seit der Affäre Groer entschieden für einen neuen Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen ein.
Die allermeisten Missbrauchsfälle geschehen im „privaten“ Umfeld. Sie werden von der Öffentlichkeit aber viel weniger wahr-genommen, als wenn sie in der Kirche vorkommen. Warum ist das so? Schüller: Zunächst einmal: jeder sexuelle Missbrauch von Minderjährigen ist ein Verbrechen, das diese Menschen – auch je nach Schwere der Übergriffe – oft nachhaltig schädigt. Auch wenn die Sensibilität in den letzten Jahren dafür gewachsen ist, wird noch immer viel zu oft weggeschaut. Was solche Übergriffe durch kirchliche Amtsträger oder Vertrauenspersonen angeht, kommt erschwerend hinzu, dass sich die Kirche selber als wichtige moralische Instanz sieht – und vielfach auch öffentlich als solche wahrgenommen wird. Da gibt es – nicht zu Unrecht – erhöhte Erwartungen. Wer sich in Moralfragen exponiert, muss auch damit rechnen, dass er mit einer anderen Messlatte gemessen wird, wenn es Anlass zur Kritik gibt – auch wenn da und dort auch eine gewisse Häme über eine angepatzte „weiße Weste“ mitspielt. Deshalb halte ich es ja für so wichtig, dass die Kirche mit dem persönlichen Versagen und den strukturellen Mängeln in ihrem eigenen Bereich offen, ehrlich und entschieden umgeht.
Gerade das Wegschauen und Vertuschen wird bei Missbrauchsvorwürfen in der Kirche besonders kritisiert – auch vom Papst. Wie kommt es zu diesem Verhalten? Schüller: Ich sehe da mehrere Gründe. Zunächst einmal sieht sich die Kirche als Hüterin, manche sagen sogar als letzte Hüterin der Sexualmoral. Da will man sich durch das Versagen in den eigenen Reihen nicht erwischen oder bloßstellen lassen. Dazu kommt, was ich als „Systemreflex“ bezeichne – die Angst, dass die Institution Kirche als ganze oder das Image einer angesehenen Einrichtung Schaden nehmen könnte. Darauf hat P. Mertes vom Berliner Canisius-Kolleg kürzlich selbst hingewiesen. Und sicher liegt ein Grund für dieses Verhalten auch darin, dass es mit der Sprechkultur zum Thema Sexualität in der Kirche in vieler Hinsicht nicht gut bestellt ist. Es ist zu beobachten, dass gerade bei Sexualitätsfragen, aber nicht nur, denn bei bei bestimmten Vorfällen geht es auch um Machtfragen, um Autorität, eine offene Rede in der Kirche oft sehr schwer fällt – sowohl Opfern wie Tätern, als auch deren Vorgesetzten und Beobachtern. Selbst in befreundeten Priesterkreisen werden Probleme und Fragen rund um die Sexualität kaum angesprochen.
Nach der Affäre Groer wurden in den Diözesen Ombudsstellen eingerichtet, an die sich Missbrauchsopfer und -täter wenden können. Hat sich dadurch etwas verändert? Schüller: Ich bin überzeugt, dass die Errichtung dieser Anlaufstellen ein wichtiger und notwendiger Schritt war. Aber ich habe meine Zweifel, ob diese Ombudsstellen überall von den Verantwortlichen auch wirklich offensiv gewollt sind und so bekannt gemacht werden, dass sie möglichst vielen eine Gesprächsmöglichkeit anbieten. Und schließlich ist auch zu fragen, wie wird mit den Informationen und Anregungen der Ombudsstellen in den Diözesen umgegangen. Es geht zunächst einmal darum, dass man im innerkirchlichen Bereich mit diesen Einrichtungen signalisiert, man möchte gemeldete Vorfälle so rasch wie möglich aufklären und die notwendigen Veränderungen herbeiführen sowie den Opfern jede notwendige Hilfe anbieten. Und parallel dazu und nicht erst nachher ist die Frage zu stellen, was das auch strafrechtlich heißt. Es darf kein Stäubchen eines Zweifels bestehen, dass ab der Aufdeckung mit den staatlichen Behörden zusammengearbeitet werden muss, damit es zu keinen Verzögerungen in den Ermittlungen, zu keiner Verwischung von Spuren etc. kommt. Die Wahrheit muss auf den Tisch.
Sie haben sich stark für einheitliche gesamtösterreichische Regeln, wie bei Missbrauchsfällen in der Kirche vorzugehen ist, eingesetzt. Im Unterschied zu Deutschland gibt es diese immer noch nicht. Ist das ein Mangel? Schüller: Ja, und ich bedauere das sehr. Aber es geht mir nicht nur um gemeinsame Leitlinien, zu denen sich alle Diözesen und Ordensgemeinschaften bekennen, sondern auch darum, dass diese durch einen regen Austausch aller damit befassten Stellen auch mit Leben erfüllt werden. Wir brauchen gemeinsame Standards, einen raschen Austausch von Informationen und eine gut aufeinander abgestimmte Praxis. Das wäre einerseits ein Zugewinn an Professionalität und Glaubwürdigkeit. Andererseits brauchen wir diese Zusammenarbeit, weil wir ja einen grenzüberschreitenden Austausch von Priestern, Ordensleuten etc. haben. Und dann ist da ein Thema immer noch offen, wie es mit jemandem weitergeht, der aufgedeckt wurde. Der Status derer, die eines Übergriffs überführt wurden, ist klar zu regeln, damit diese in der Kirche keinen Zugang mehr zu Minderjährigen haben. Da gibt es meines Erachtens noch Grauzonen, die man endlich angehen müsste.
Wenn es um Missbrauchsfälle in der Kirche geht, wird häufig auch der Zölibat ins Spiel gebracht. Sehen Sie da Zusammenhänge? Schüller: Ich halte das für eine unzulässige und teilweise auch polemische Behauptung, die Lebensform der Ehelosigkeit (Zölibat) brächte Pädophilie hervor bzw. begünstige diese. Das widerspricht der Tatsache, dass die meisten Missbrauchsfälle in Familien vorkommen und würde alle, die freiwillig oder unfreiwillig ehelos leben, einem Generalverdacht aussetzen. Wir wissen heute, das es sich bei Pädophilie um Persönlichkeits- und Entwicklungsstörungen handelt, die weit zurückreichen und nicht erst beginnen, wenn ein Erwachsener eine bestimmte Lebensform wählt. Es ist aber denkbar, dass der Zölibat als offiziell anerkannte Lebensform Menschen mit sexuellen Störungen und pädophilen Neigungen anzieht. Einerseits weil sie da einen Unterschlupf finden und andererseits, weil sie in diesem Berufsfeld auch einen leichteren Zugang zu Kindern und Jugendlichen suchen. Derartige Verhaltensmuster stellen auch für andere Bereiche in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Kulturarbeit, im Unterricht etc. ein Problem dar. Auch da sollten die Träger der Einrichtungen, so wie ich das auch von der Kirche erwarte, sehr wachsam und selbstkritisch darauf aufpassen, welche Leute sie nehmen und wie sich diese verhalten.
Wird die Thematik Sexualität in der Priester-ausbildung und -fortbildung zu wenig angesprochen? Schüller: Ich glaube schon. Da ist sicherlich im Vergleich mit vor 30 oder 40 Jahren einiges besser geworden. Aber es muss mehr geschehen, denn wir haben da eine große Erblast der Tabuisierung abzuarbeiten. Und ich meine, dass eine offene und intensive Auseinandersetzung mit Fragen einer reifen Sexualität nicht nur wegen der besonderen Herausforderungen, die der Pflichtzölibat mit sich bringt, notwendig ist. Das erfordert auch die Kompetenz als Seelsorger, um Menschen, falls sie uns auf Fragen rund um die Sexualität ansprechen, besser begleiten zu können.
Stichwort
- Im Mai 2009 hat die „Kommission für Kindesmissbrauch“ nach neunjähriger Arbeit und über 2000 Zeugenbefragungen ihren Bericht veröffentlicht. Demnach wurden in Irland zwischen 1915 und 2000 Tausende Kinder und Jugendliche in kirchlichen Erziehungs- und Arbeitshäusern körperlich, seelisch und sexuell misshandelt. Bereits im Jahr 2003 wurden 12.000 Opfer entschädigt. Der sexuelle Missbrauch in Knabenheimen war „System“; kirchliche und staatliche Stellen haben das gewusst und weggeschaut, heißt es in dem Bericht.
- Im November hat Richterin Yvonne Murphy ihre Untersuchung über 320 Missbrauchsfälle durch 46 Priester der Erzdiözese Dublin (1975 bis 2004) vorgelegt. Darin werden kirchliche Vorgesetzte beschuldigt, nicht entsprechend gehandelt zu haben. Vier Bischöfe haben seither ihren Rücktritt eingereicht.
Zur Sache
Das Versagen der Autoritäten
In dieser Woche beraten die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrskonferenz auch ausführlich über das Thema Missbrauch in der Kirche. In den vergangenen Wochen haben sich über 100 Opfer von sexuellem Missbrauch aus verschiedenen Jesuitenschulen gemeldet. Der deutsche Jugendbischof Franz-Joseph Bode (Osnabrück) räumte ein, dass Diözesanleitungen und Ordensobere in der Vergangen-heit zu leichtfertig mit Missbrauchstätern umgegangen seien, indem sie diese in andere Einrichtungen, Gemeinden oder Diözesen versetzt oder zu Exerzitien gedrängt hätten. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass bei Pädophilie meist eine lebenslange Prägung vorliege.
Am 15. und 16. Februar fand in Rom eine Konferenz von 24 irischen Bischöfen mit Papst Benedikt und Spitzenvertretern der Kurie statt. „Gemeinsam haben sie das langjährige Versagen kirchlicher Autoritäten in Irland untersucht, effektiv mit den Fällen sexuellen Missbrauchs junger Menschen durch irische Priester und Ordensleute umzugehen“, heißt es in der Schlusserklärung. „Alle Anwesenden gaben zu, dass die dadurch ausgelöste schwere Krise zum Zusammenbruch des Vertrauens in die Leitung der Kirche geführt hat.“ Erneut verurteilte Papst Benedikt, wie schon bei seinen Besuchen in den USA und Australien, sexuellen Missbrauch als „verabscheuungswürdiges Verbrechen“. Er forderte die Bischöfe auf, sich mit Mut, Ehrlichkeit und Entschlossenheit der Krise zu stellen. Die Bischöfe berieten mit dem Papst auch ein Pastoralschreiben, das dieser noch in der Fastenzeit an die irischen Katholik/innen richten wird.