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Kreuzweg statt Joggen

Der Kreuzweg lädt ein, im Leiden füreinander da zu sein
Ausgabe: 2010/10, Kreuzweg, Grenzen, Kapellen, Kalvarienberg, St. Georgen
17.03.2010
- Josef Wallner
Den Kreuzweg gehen. Es ist, als ob Gott das Leid den Menschen nicht mit einem Mal zumuten würde. So wird es tragbar: Schritt für Schritt. Station um Station.

Ein wenig laufen – Joggen und Walken. Das liegt im Trend. Viele perfektionieren sich bis zum Marathon. Man plagt sich um seiner selbst willen.
Kreuzwege sind anders. Es sind die Wege, die jemand für und mit anderen geht. Es ist das Begleiten auf schweren Wegen. Es ist das Abnehmen von Lasten, der Trost, den man gibt, auch wenn man nicht mehr helfen kann.
Kreuzwege laden in der Fastenzeit ein, den Leidensweg Jesu mitzuempfinden und mitzugehen. Glaube spielt sich nicht nur im Kopf und auch nicht bloß im Herzen ab. Er wird spürbar im mühsamen Gehen, manchmal einen Berg hinauf, und in der Last, die auf den Schultern drückt. Glücklich der Mensch, der solche Wege nicht alleine gehen muss.





Der Weg auf den Kalvarienberg von St. Georgen im Attergau. Univ.Prof. Hans Hollerweger – er stammt aus St. Georgen – hat erstmals die Geschichte des Kalvarienbergs erforscht und darüber eine Broschüre verfasst, die am Schriftenstand der Pfarrkirche St. Georgen erhältlich ist.

Der Kreuzweg sprengt Grenzen

Dreizehn Kapellen und eine Kirche – der Kalvarienberg von St. Georgen im Attergau ist ein herausragendes religiöses und kulturgeschichtliches Denkmal des 19. Jahrhunderts, das bis heute nichts von seiner Bedeutung und Schönheit verloren hat.

Am Anfang stand die Begeisterung. Die erste Volksmission der Pfarre St. Georgen im Jahr 1858 stieß auf überwältigendes Echo. Nur zu Beginn der zehntägigen Mission konnten die Predigten in der Kirche abgehalten werden. Dann musste man im Freien weitermachen, da das Gotteshaus die vielen Gläubigen unmöglich fassen konnte. Zum Schlussgottesdienst kamen an die 8000 Menschen. Neben Gruppen junger Frauen und Burschen, die in Folge der Glaubenserneuerung entstanden waren, wollte die Pfarre zur Erinnerung an die Volksmission auch etwas Sichtbares schaffen. So wurde auf dem Hügel am südlichen Ortsrand ein Kreuzweg errichtet, dessen 14. Station das weithin sichtbare Kalvarienberg-Kirchlein bildet. Die Kreuzwegkapellen wurden 1864, die Kirche 1869 von Bischof Franz Joseph Rudigier geweiht.

Gebets-Spaziergang. Der Kalvarienberg ist zu einem Wahrzeichen St. Georgens geworden, das ganz unterschiedliche Menschen anzieht: Spaziergänger, die den Weg durch die Wiesen und Felder genießen und sich am herrlichen Blick auf das Höllengebirge erfreuen. Viele von ihnen machen in der Kirche halt, die von Ende April bis Oktober täglich geöffnet ist. In der Fastenzeit und in der Karwoche beten hauptsächlich Gruppen den Kreuzweg.

Kreuzweg überwindet Sprachbarrieren. Und immer wieder sind es einzelne Menschen, die allein den Hügel hinaufgehen. Wie ein Asylwerber aus dem nahen Erstaufnahmezentrum Thalheim. Mongolei ist das einzige Wort, das er sagt. Die Wahrscheinlichkeit, dass der junge Mann in schwarzer Lederjacke Christ ist, ist gleich null. Aber er geht von Station zu Station, ganz langsam. Bleibt vor jeder Kreuzwegkapelle stehen und schaut lange auf die Reliefdarstellungen des Leidens Jesu. Sieht man ihm von Ferne zu, ist man sicher: Dieser Mann betet den Kreuzweg. Vermutlich tut er es auch, nur anders, nicht mit vorgeformten Texten. Die Reliefs mit den Leidensstationen Jesu galten schon zur Zeit ihrer Anschaffung im 19. Jahrhundert als schlichte Handwerksarbeit, weit entfernt von künstlerischem Anspruch. Aber was sie zeigen, ist klar: Ein Mensch muss schwere Holzbalken schleppen, er bricht mehrmals zusammen, Soldaten stehen um ihn herum und schlagen auf ihn ein. Frauen weinen und es gibt auch gute Menschen: einen Mann, der tragen hilft, und eine Frau, die dem Mann mit den Holzbalken ein Tuch hinhält.

Aufatmen. Ob der Asylwerber aus der Mongolei die Bilder womöglich tiefer versteht als die anderen, denen die Stationen nur allzu vertraut sind? Und hat er nicht die eine oder andere Szene selbst am eigenen Leib erlebt auf seiner 6500 Kilometer langen Flucht? Das Auferstehungsbild am Hochaltar des Kalvarienbergkirchleins – ob er auch die Fröhlichkeit gespürt hat, die mit diesem Gemälde verbunden ist? Die beiden Volksschülerinnen Hannah und Christina scheinbar schon. Sie kommen aus der Kirche, wo sie ein wenig beim Saubermachen geholfen haben. Sie laufen lachend den Kalvarienberg hinab, nicht am Weg , sondern querfeldein über die Wiese auf das Haus zu, wo sie wohnen. Für sie gehört der Kalvarienberg zum Alltag. Besonders in den Sommermonaten, wenn sie abends um 20 Uhr die Glocke läuten dürfen. Händisch natürlich. Sie ziehen so lange am Strick, wie das Gebet des Engel des Herrn dauert, genau 80 Mal.

Beständig. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo in der Ortschaft Thern der Kreuzweg seinen Anfang nimmt, wirbt ein Imbissstand für Bier. Das Schild „Ein Glas heller Freude“ ist deutlich verlockender als der grüne, etwas verbeulte Wegweiser aus Blech mit dem Aufdruck „Kalvarienberg“. Doch unzählige Menschen haben keine Wahl: Ihr Leben wird zum Kreuzweg durch Krankheit, Schicksalsschläge oder Scheitern von Beziehungen. Für Generationen von Menschen, die schwer zu tragen haben, schufen einst die Christen aus St. Georgen diesen Weg. Als etwas Bleibendes.


Geschichte des Kreuzwegs

Von Beginn der Pilgerfahrten in das Heilige Land zur Zeit Kaiser Konstantins bis heute gehört es zum Programm jedes Wallfahrers: den Weg nachzugehen, auf dem Jesus das Kreuz getragen hat. Seit dem 15. Jahrhundert wurden auch im Abendland, gefördert vom Orden der Franziskaner, Kreuzwege – im Freien – nachgebildet. Die Zahl der Stationen und der Inhalt waren lange Zeit schwankend. Der Franziskaner Leonhard von Porto Maurizio (+ 1751) verschaffte dem Kreuzweg mit 14 Stationen weltweit Geltung, besonders durch die Verbindung mit einem Ablass. Um 1700 wird der Kreuzweg auch in die Kirche verlegt und auf 14 Bildern dargestellt.
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