Ausgabe: 2010/11, Verletzbarkeit, Michael Schreckeis, Minderheiten, Frauenbewegung, Moser-Hofstadler, Josef Wallner, Scham, Mut, sexueller Missbrauch, Fehlverhalten, Täter, Priester, Ordensleute, Erzieher, Rahmenbedinungen
17.03.2010
Verletzbarkeit eingestehen
Dass sich Missbrauchsopfer heute als solche zu erkennen geben, sei die Folge „der Gewaltdiskussion der Frauenbewegung“, meint Psychotherapeut Michael Schreckeis (siehe Seite 18). Die Frauenbewegung hat von Anfang an nicht nur für Frauen gekämpft. Als Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden nicht nur die geschlagenen und psychisch misshandelten (Ehe-)Frauen gesehen, sondern immer auch Kinder und Minderheiten. Dass jetzt auch Männer zugeben können, dass sie Opfer geworden sind, bestätigt die Erkenntnisse der Frauenbewegung und ist auch erfreulich. Sie helfen mit, die „Was einen nicht umbringt, macht einen hart“-Mentalität zu beenden.
Judith Moser-Hofstadler
Über der Scham den Mut nicht vergessen
In den letzten Tagen ist in der Kirche viel von Scham die Rede. Angesichts der Fälle von sexuellem Missbrauch und von Gewalt in kirchlichen Einrichtungen ist das für Menschen, die mit der Kirche verbunden sind, eine verständliche, ja selbst-verständliche Reaktion. Die Schamesröte im Gesicht darf aber das Denken nicht ausschalten. Für das Fehlverhalten sind die Täter persönlich verantwortlich, aber es geschah unter bestimmten Rahmenbedingungen, für die Kirchenobere Mitverantwortung tragen: Warum wurden Priester oder Ordensleute beinahe ausnahmslos ohne Ausbildung als Erzieher eingesetzt? Waren viele nicht überlastet mit Unterricht, Internat und pastoralem Einsatz? Jetzt braucht es den Mut, auch auf die damaligen Strukturen zu schauen und sie neu zu gestalten.