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Christen im Nahen Osten sind das „Salz der Erde“

Dietmar Winkler zur Nahostsynode im KirchenZeitungs-Interview
Ausgabe: 2010/11, Christen, Salz der Erde, Naher Osten, Dr. Dietmar Winkler, Nahostsynode, Sondersynode, Bischofssynode, Linamenta, Zypernreise, islamische Fundamentalisten, Auswanderung, Religionsfreiheit, Palästinenserkonflikt, Bewegungsfreiheit, Islam
17.03.2010
- Interview: Susanne Eller
Die katholische Kirche im Nahen Osten steht vor massiven Problemen und Herausforderungen. Lösungsansätze dafür sollen bei der im Oktober anberaumten Sondersynode für den Nahen Osten entwickelt werden. Vor kurzem wurde das 30-seitige Vorbereitungspapier (Lineamenta) zur Synode veröffentlicht. Dazu nimmt der Kenner der Kirchen des Nahen Ostens, Dietmar Winkler, Stellung.


Welche zentralen Punkte werden im Vorbereitungspapier zur Nahostsynode behandelt?
D. Winkler: Im Dokument geht es u. a. darum, welche Rolle die Christen in der Gesellschaft des Nahen Ostens haben; wie schaut der politische Konflikt in der Region aus; wie ist es um die Religionsfreiheit bestellt; wie sind die gegenwärtigen Entwicklungen des Islams und wie soll das Christentum damit umgehen. Es ist ja so, dass der Islam, so wie er sich heute vor allem in den Medien mit seinen fundamentalistischen radikalen Tendenzen präsentiert, nicht der Islam schlechthin ist. Vom Vatikan aus ist geplant, dass man sich im Rahmen der Nahostsynode mit gemäßigten Kräften des Islam zusammensetzt. Generell will man eine engere interreligiöse Zusammenarbeit erzielen. Deshalb gibt es auch Überlegungen, muslimische und jüdische Beobachter einzuladen. Ein weiterer Punkt der Lineamenta ist das Problem der Emigration.

Die Auswanderung von Christen aus dem Nahen Osten steigt stetig. Laut Caritas International sollen im Irak seit dem Einmarsch der US-Truppen 2003 von den einst 1,2 Millionen Christen die Hälfte das Land verlassen haben.
D. Winkler: Konkrete Zahlen zu nennen, ist schwierig, weil es nur Schätzungen gibt. Die Lage der Christen in den einzelnen Ländern des Nahen Ostens ist zwar unterschiedlich, aber die Grundsituation ist, dass wir eine große Auswanderung von Christen haben wegen der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und der diversen Kriegssituationen in der Region. Im Bezug auf den Irakkrieg hat es einen unglaublichen Aderlass an Christen gegeben. Viele sind nach Syrien geflüchtet. Etliche versuchen, nach Europa, Nordamerika oder Australien auszuwandern, weil sie dort bessere Zukunftschancen haben und weil verschiedene Familienmitglieder bereits im Ausland sind, die dazu raten, den Irak zu verlassen. Dieser Aderlass tut dem Land nicht gut. Eine andere Perspektive haben wir im Heiligen Land, wo im Dokument zur Nahostsynode vor allem die israelische Besetzung der Palästinensergebiete beklagt wird. Diese Situation schränkt die Bewegungsfreiheit der Menschen ein und damit auch das wirtschaftliche und religiöse Leben. Man sieht diesen Nahost-Konflikt immer zwischen Juden und Muslimen, aber die Palästinenser sind, wenn auch nur zu einem kleinen Prozentsatz, eben auch Christen. Das wird bei uns oft vergessen.

Der wachsende islamische Fundamentalismus ist ja auch Thema der Lineamenta.
D. Winkler: Ja, und so lange der Palästinenserkonflikt nicht gelöst ist, wird es immer einen Nährboden für den Fundamentalismus geben. Im Prinzip geht es beim islamischen Fundamentalismus vor allem um Macht und Einfluss. In Afghanistan, wo die radikal-islamistischen Taliban mit Terroranschlägen agieren, gibt es die größten Opiumanbaugebiete, da geht es auch um viel Geld; Fundamentalisten in Ägypten verüben vermehrt Anschläge gegen die christliche Minderheit oder gegen Touristen, damit sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht verlieren. In anderen Ländern wie etwa Jordanien gelingt es dagegen, relative Ruhe zu haben. Da sind auch die Christen trotz ihrer Minderheit im Parlament vertreten, obwohl der Islam Staatsreligion ist. Das zeigt, es ist von Ort zu Ort, von Land zu Land unterschiedlich. Doch in vielen Regionen des Nahen Ostens wird die Religion instrumentalisiert, während es tatsächlich um Machtverhältnisse geht. Und Religion lässt sich gut instrumentalisieren, weil sie letztendlich immer die Seele und die Herzen der Leute trifft. Aber grundsätzlich möchten die Leute vor Ort in Frieden miteinander leben. Deshalb ist es auch wichtig, dass es bei der Nahostsynode im Bezug auf die kirchliche Einheit einen ökumenischen Aspekt geben muss und die Christen gemeinsam und nicht aufgesplittert auftreten sollen. Denn die Probleme dort betreffen alle Christen, nicht nur die katholischen.

In der Region gibt es ja eine Vielfalt an christlichen Kirchen ...
D. Winkler: Ja. Da haben wir zunächst die verschiedenen katholischen Ostkirchen, wie z. B. die koptische Kirche, die armenische Kirche, die melkitisch-griechische Kirche oder die chaldäische Kirche. Daneben gibt es noch mehr als ein halbes Dutzend an altorientalischen und orthodoxen Kirchen. Die Rolle der Christen in der Gesellschaft des Nahen Ostens ist, obwohl sie so eine kleine Zahl sind, enorm.


Wie sieht diese Rolle aus?
D. Winkler: Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, wenn ich mit Christen oder mit politischen Verantwortungsträgern im Orient spreche, dann wird klar, dass die Christen durchaus ein bisschen das Salz der Erde sind. Mitunter ist es so, wenn man jetzt den Palästinenserkonflikt ausspart, dass es zum Beispiel in Syrien, im Irak oder im Libanon manchmal Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten gibt. Da haben die Christen durchaus eine Art Vermittlerrolle inne. Das ist auch unter den Muslimen bekannt. Einer breiten Masse der Muslime ist allerdings nicht mehr bekannt, dass die Wiege des Christentums im Nahen Osten liegt, die Christen vor den Muslimen in diesem Gebiet waren und sie diese Gesellschaften mitgeprägt haben. Die große Herausforderung ist, das bekannt zu machen.

Wie sieht es mit der Religionsfreiheit aus?
D. Winkler: In einem muslimischen Staat, wo der Islam Staatsreligion ist und Minderheiten nur toleriert werden, gibt es z. B. das Problem, wenn ein Christ eine Muslimin heiratet oder eine Christin einen Muslim, sind deren Kinder automatisch Muslime. Unter Umständen muss ein Christ auch konvertieren, das hängt davon ab, wie die jeweilige Situation in den verschiedenen Ländern ist. Ein Konvertieren vom Islam zum Christentum ist unmöglich. Es gibt also keine Religionsfreiheit.

Was wären Ihrer Meinung nach wichtige Lösungsansätze, um die Lage im Nahen Osten zu verbessern?
D. Winkler: Der grundsätzliche Lösungs-ansatz kann nur sein, eine Friedenssituation im großen Rahmen für den Nahen Osten zu schaffen, sonst wird es permanent Konflikte geben. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass Religionsfreiheit wirklich Religionsfreiheit ist. Da sind die Muslime gefordert, ihre Verfassungen und ihre Religion in Übereinstimmung zu bringen mit heutigen Gegebenheiten. Die freie Entscheidung des Einzelnen für die jeweilige Religion muss einfach gegeben sein. Erst dann, wenn eine Friedenssituation hergestellt ist, wenn es soziale Möglichkeiten gibt, dass sich die Länder entwickeln können, die Leute auch Lebensgrundlagen in ihrer Heimat haben und wenn die Religionsfreiheit gegeben ist, ist diese Region auch wirklich lebenswert. Das würde auch die Auswanderung von Christen stoppen. Daher ist die Nahostsynode fundamental wichtig und bietet eine große Chance, für die Probleme in diesem Gebiet Lösungen zu entwickeln. Da bin ich schon zuversichtlich, dass das gelingen wird.



Stichwort


Nahostsynode

Die Bischofssynode über den Nahen Osten, die von 10. bis 24. Oktober im Vatikan tagen wird, steht unter dem Motto „Die katholische Kirche im Nahen Osten – Gemeinschaft und Zeugnis“. Das Vorbereitungspapier (Lineamenta) samt Fragenkatalog wurde Mitte Jänner an die Synodenteilnehmer ausgesandt. Bis Ostern müssen die Antworten an den Vatikan retourniert werden. Daraus wird das Synoden-Arbeitspapier (Instrumentum laboris) erstellt, das vom Papst im Rahmen seiner Zypernreise (4. bis 6. Juni) an die Repräsentanten der lateinischen und unierten Diözesen im Nahen und Mittleren Osten überreicht wird. Die Idee einer Nahostsynode ist vom chaldäisch-katholischen Erzbischof der Diözese Kirkuk im Irak, Louis Sako, an den Papst herangetragen worden. Die Bischofssynode wird die Probleme des Nahen Ostens auf den Tisch bringen und gilt als Zeichen der Solidarität mit den Christen im Orient.
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