Ausgabe: 2010/11, innehalten, Sonntag, 5. Fastensonntag, Pharisäer, Schriftgelehrte, Jesu Worte, Frater Franz Ackerl, Wort zum Sonntag, Sünder, Doris Gabriel, das Leben, Ehebrecherin
17.03.2010
Da stehen sie einander gegenüber, im Tempel, am frühen Morgen. Jesus. Pharisäer und Schriftgelehrte. Die vorgeführte Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Das Volk – Menschen, die eben noch Jesu Worten zugehört hatten. Alles deutet auf Eskalation hin, zu eindeutig scheinen die Tatsachen. „Und Jesus schrieb mit dem Finger auf der Erde.“ Einen Moment nur innehalten. Damit alle Beteiligten Zeit bekommen. Nachdenken.
Evangelium
Joh 8, 1–11
Jesus aber ging zum Ölberg. Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat keiner dich verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.
2. Lesung
Phil 3, 8–14
Ja noch mehr: Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht, dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus ergriffen worden bin. Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.
1. Lesung
Jes 43, 16–21
So spricht der Herr, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch das gewaltige Wasser, der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht. Denkt nicht mehr an das, was früher war; auch das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste. Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken. Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.
und doch: das Leben
Die Verletzbarkeit alles Lebendigen spüren, um die eigene Verwundbarkeit wissen, die Bedrohtheit von Liebe nicht leugnen und doch: dem Leben trauen
Den Schmerz kennen, die Angst nicht verdrängen, den Tod seinen Platz geben und doch: das Leben feiern
Nicht wissen, was noch kommt, nur hoffen können, dass da jemand bleibt, nur versuchen zu glauben, dass alles einen tragenden Grund hat und doch: das Leben leben
Doris Gabriel
Wort zum Sonntag
Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit
Manchmal kann ich mich über Dinge, Situationen und Menschen furchtbar aufregen. Am Beginn des Schuljahres bat ich „meine“ Schüler/innen, einen Vorsatz für dieses Jahr zu formulieren. Ich selbst sagte, ich möchte gelassener werden. Als ich einige Wochen später einmal etwas energischer ihr Verhalten tadelte, erinnerte mich eine Schülerin an meinen Vorsatz und meinte, ich solle mich nicht so aufregen. Solche Erfahrungen sind für mich sehr heilsam. Ich komme zum Nachdenken, versuche tiefer zu gehen, eigene Fehler wahrzunehmen. Dann merke ich, dass es mir weder zusteht noch gut ansteht, zu richten. Ähnlich ergeht es den Menschen, die die „Ehebrecherin“ zu Jesus bringen (vgl. Ev.). Da kommen nicht jene, die ein gelungenes Leben führen, sondern jene, die ihren Heiligenschein nur durch Scheinheilig-Sein erlangen; in deren Leben längst nicht alles so verläuft, wie sie es nach außen hin gerne demonstrieren. Jesus deckt sie auf. Nicht indem er sie bloßstellt, sondern indem er sie durch seine Aussage zum Nachdenken bringt. Zweimal dreht er sich weg und gibt ihnen Zeit, ihr Tun zu überdenken. „Da ging einer nach dem anderen fort.“ Jesus, dem als Einzigen ein Urteil zustünde, verurteilt nicht. Weder Pharisäer und Schriftgelehrte noch die Frau. „Geh“, sagt er zu ihr, aber nicht „geh weg“ – wie die, die sie auf frischer Tat ertappt hatten. Er sagt es voll Mitgefühl, Barmherzigkeit und Verständnis, voll Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit. Es darf uns nicht alles egal sein, wir sollen uns aber auch nicht künstlich hineinsteigern. So versuche ich, gelassener zu werden. „Nicht, dass ich es schon erreicht hätte, oder dass ich schon vollendet wäre, aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Jesus Christus ergriffen worden bin.“ (vgl. 2. Lesung) Wir sind unterwegs – versuchen wir es in heiterer Gelassenheit.
Zum Weiterdenken
„Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder“, sagt man. Gottes Geschichte mit den Menschen ist eine Liebesgeschichte. Weil Er uns annimmt, können auch wir uns selbst annehmen und erneut aufstehen und weitergehen.
Frater Franz Ackerl, Benediktiner von Kremsmünster. Religionslehrer am Gymnasium, Gastmeister und Mitarbeiter im Jugendzentrum.