Laufend werden neue Fälle von sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen bekannt. „Warum haben sie nicht früher geredet? Was brauchen diese Menschen?“, fragen sich manche angesichts der Opfer, die nach 20 oder mehr Jahren ihre Leidensgeschichte erzählen.
Was Missbrauchs-Opfern helfen kann, ihreErfahrung zu bewältigen, ist nicht für alle gültig zu beantworten. Gemeinhin wird angenommen, man soll über alles reden, aber „das ist nicht in jedem Fall so“, sagt der Theologe und Psychoanalytiker Michael Schreckeis. „Manchmal ist die Verletzung so massiv, dass sie auch im dunklen Kämmerlein ruhen darf, um möglichst gut damit leben zu können.“ Wenn ein traumatisches Erlebnis sich aber nicht verdrängen lässt, ist es für Betroffene heilsam, damit herauszukommen. Manchmal fragen sie sich selbst, warum diese Erfahrung nach so langer Zeit wieder ein Problem wird.
Massive Verwerfung. Was laut Schreckeis „in der Regel aber auch nicht zu 100%“ gilt:Sexueller Missbrauch bringt eine massive Verwerfung im Leben eines Menschen mit sich, die zu Depressionen, Unangepasstheit oder Überangepasstheit führen kann, manche meiden Sexualität ihr Leben lang komplett, andere werden im Gegenteil promiskuitiv, manche erleben psychosomatische Störungen.
Bezugsperson. Die erste Anlaufstelle für Betroffene ist die Psychotherapie, in der man lernen kann, mit dem Erlebten umzugehen. „Das kann man oft nicht aufarbeiten, weil es so massive Verletzungen sind, dann muss man versuchen, das in sein Leben zu integrieren“, so Schreckeis. Schwierig macht die Sache auch, dass der Täter ja in der Regel nicht „der böse Pater“ war, sondern auch eine Bezugsperson, oft ein Förderer.
Sensiblere Gesellschaft. Dass das jetzt aufbricht, rührt für Schreckeis daher, dass die Menschen heute sensibler dafür sind, was überhaupt Missbrauch ist. Der Sexualtherapeut hat selbst ein katholisches Internat besucht. „Wir haben seinerzeit darüber gewitzelt, wer bei der Frühmesse ministriert und dann frühstücken mitgeht“, erinnert er sich. Erst bei Maturajubiläen wird bewusst, dass manche Opfer „ganz massiv entgleist“ sind. Die Sensibilität für dieses Unrecht ist für Schreckeis „ein Erbe der Gewaltdiskussion der Frauenbewegung“, zuvor war das Wort „Missbrauch“ schlicht nicht bekannt. Auch die Einsicht, dass das nicht „intern“ geregelt werden kann, gibt es, weil die Gesellschaft antiautoritärer und demokratischer geworden ist.
Unrechtsbewusstsein. Der Therapeut arbeitet oft mit Tätern und erlebt, dass sich diese durchaus im Klaren darüber sind, dass sie Unrecht getan haben. Sie kommen über gerichtliche Anweisung, aber auch aus freien Stü-cken. Und das ist eine Folge eines neuen gesellschaftlichen Bewusstseins, nämlich dass Psychotherapie auch Tätern helfen kann.
Zur Sache
Aufmerksamkeit schenken
Sexueller Missbrauch passiert nicht von heute auf morgen. In der Regel ist es eine „Beziehungstat“, die eine lange Vorgeschichte hat. Was können Eltern tun, wenn sie aktuell vermuten, ihr Kind könnte ein Opfer von Missbrauch geworden sein?
- Michael Schreckeis empfiehlt als oberstes Gebot, möglichst ruhig auf Anzeichen zu reagieren. Eltern sollten ihre Kinder aufmerksam beobachten. „Es geht um eine Atmosphäre, in der so etwas möglich ist“, sagt Schreckeis. Deshalb müsse man besonnen reagieren, Hilfe von außen holen, damit man die Atmosphäre ändern kann.
- Es gibt nicht „das“ Symptom, wie man Missbrauch erkennt, aber aufmerksame Eltern können viele Symptome erkennen, etwa Bettnässen, verändertes Verhalten, Absacken der schulischen Leistung, sexualisierte Zeichnungen im Kindergartenalter oder sexualisiertes Verhalten. „Manchmal wundere ich mich sehr, wie lange Menschen solche Zeichenverdrängen können, das geht oft über Monate und Jahre.“ Eine Anzeige ist schwierig, weil sie eine große Gefahr birgt: „Wenn die Suppe nicht dickgenug ist und die Anzeige geht nicht durch, kann das für ein betroffenes Kind extrem traumatisierend sein“, so Schreckeis.