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Umgebracht wird, wer stört

Ausgabe: 2010/12, P. Martin Maier, Romero, Erzbischof Romero, Oscar Arnulfo Romero, politische Gerechtigkeit, Seligsprechung, ungerechte Verhältnisse, Gedenkveranstaltung, San Salvador, Rom, Märtyrer
24.03.2010
- Interview: Susanne Eller
Vor 30 Jahren ist Erzbischof Oscar Arnulfo Romero ermordet worden – wegen seines Einsatzes für soziale und politische Gerechtigkeit in seiner Heimat El Salvador. „In der Nachfolge Jesu gab sich Romero ganz für die Menschen hin. Ihm wurde klar, dass zum Priestersein, zum Bischofsein auch die prophetische Anklage von ungerechten Verhältnissen gehört“, sagt Pater Martin Maier. Der Theologe und Jesuit hat die Entwicklung des charismatischen Erzbischofs, der weit über die Grenzen El Salvadors hinaus verehrt wird, in seinem Buch aufgezeigt.


Sie haben für Ihr Werk über Erzbischof Romero verschiedenste Quellen herangezogen, etwa seine Predigten, Tagebuchaufzeichnungen, Gespräche mit Leuten, die er gekannt hat. Welches Bild von Romero hat sich da für Sie herauskristallisiert?
P. M. Maier: Für mich ist Oscar Romero einer der ganz großen christlichen Zeugen für Menschenwürde und Gerechtigkeit der Kirche des 20. Jahrhunderts. Er hat in seinem Leben den Standortwechsel nachvollzogen, den sich die Kirche in Lateinamerika im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil zum Programm gemacht hat, nämlich die Option, die Grundentscheidung für die Armen. Den Bischöfen Lateinamerikas, die sich 1968 in der kolumbianischen Stadt Medellín versammelten, war klar, wenn sie sich den Zeichen der Zeit zuwenden, dann ist die wichtigste Herausforderung das Elend, in dem die Mehrheit der Menschen in Lateinamerika lebten und leben. Daraus ergab sich für sie diese Konsequenz der Option für die Armen. Und das hat sich Romero nach seiner Bekehrung zum zentralen Inhalt seines Bischofseins gemacht.

Sie sprechen seine Bekehrung an. Zunächst war Romero ja ein eher konservativer Priester. Warum hat sich das dann verändert?
P. M. Maier: Ein wichtiger Punkt für Romeros Bekehrung war der unmittelbare Kontakt mit den armen Menschen El Salvadors. Ihm ist diese Erfahrung geschenkt worden, dass die Armen der Ort der Gegenwart Gottes in unserer Welt und in der Geschichte sind. Und es gab ein besonders einschneidendes Ereignis in seinem Leben, das zu seiner Wandlung führte. Wenige Wochen, nachdem er 1977 zum Erzbischof der Hauptstadt San Salvador ernannt worden war, wurde Pater Rutilio Grande ermordet; ein Jesuit, der als Priester in einer Landgemeinde die Option für die Armen pastoral umzusetzen versucht hatte; der die Campesinos ermutigte, sich zu organisieren, für ihre Rechte und Menschenwürde zu streiten. Grande wurde im Auftrag von Großgrundbesitzern umgebracht. Als Romero vor dessen Leichnam stand, sind ihm die Augen aufgegangen. Er wusste plötzlich, Rutilio Grande hat Recht, er ist den Weg Jesu gegangen. Zuvor hatte Romero Zweifel, ob die Kirche sich in die sozialen und politischen Fragen einmischen sollte, aber mit dem Tod Grandes wurde ihm klar, das ist der Weg des Evangeliums, das ist der Weg Jesu, den Romero dann selber gegangen ist. Und er ist so wie Jesus auch in einen Konflikt mit den Mächtigen gekommen, die ihn als einen Störfaktor erlebt haben. Einmal hat Romero in einer Predigt gesagt: „Umgebracht wird, wer stört.“

Können Sie näher auf die Hintergründe seiner Ermordung eingehen?
P. M. Maier: Während der Jahre Romeros als Erzbischof der Hauptstadtdiözese herrschte in El Salvador ein Militärregime, das von der Oberschicht des Landes finanziert und gestützt wurde. Die waren sehr reich und hatten kein Interesse, dass sich an den sozialen Verhältnissen im Land etwas ändert. Damit waren sie auch gegen Romero eingestellt. Für sie war es ja eine Überraschung, denn ursprünglich hatten sie Romero als einen nicht politischen und nicht auf soziale Veränderungen drängenden Bischof erlebt. Das hat sich dann eben vor allem unter dem Eindruck der Ermordung Rutilio Grandes geändert. Sie haben ihm verlockende Angebote gemacht, damit er aufhört, ständig über die Frage sozialer Gerechtigkeit zu predigen. Darauf hat er sich aber nicht eingelassen. Die gegen ihn gerichteten Anschuldigungen und Drohungen wurden dann immer schlimmer. Auslösend für seine Ermordung war eine Predigt, die er am 23. März 1980, am Vortag seiner Ermordung, gehalten hat. Da wandte er sich direkt an die Sicherheitskräfte und die Soldaten der Armee. In El Salvador wurden damals tausende Menschen von Sicherheitskräften und Todesschwadronen der Armee umgebracht. Er sagte den Soldaten: „Einem ungerechten Befehl, wo euch angeordnet wird, Menschen zu ermorden, dürft ihr nicht Folge leisten.“ Für die Armeeführung war das natürlich ein Vergehen, eine Aufforderung zur Befehlsverweigerung. Romero wurde am nächsten Tag, während der Feier einer heiligen Messe, von einem Scharfschützen umgebracht.

Wurde der Mord aufgeklärt?
P. M. Maier: Nein. In einem Bericht der Wahrheitskommission der Vereinten Nationen steht, dass der unmittelbare Auftraggeber des Mordes der frühere Major Roberto D’Aubuisson war, der 1992 an Krebs starb. Er wurde zu Lebzeiten nie zur Verantwortung gezogen. Bis heute gab es in El Salvador keine Gerichtsverfahren zur Ermordung Romeros. Vielleicht wird sich daran jetzt etwas ändern, denn 2009 gab es einen Regierungswechsel. Die bisherige Opposition, die aus der früheren Guerillapartei hervorgegangen ist, stellt nun die Regierung. Präsident Mauricio Funes hat erklärt, er wolle den Fall Romero in El Salvador neu aufrollen.

Romero war zu Lebzeiten ja auch Vermittler.
P. M. Maier: Die Gesamtsituation in El Salvador in den 70er Jahren war geprägt von Spannungen zwischen Militärregime und aufständischen Bewegungen. Oppositionsgruppen haben immer mehr zugenommen, die Gewalt hat zugenommen und es ist ja dann nach der Ermordung Romeros 1980 der offene Bürgerkrieg ausgebrochen. Romero hat diese Gefahr kommen sehen und hat auch versucht, zwischen diesen Fronten zu vermitteln. Er hat mit allen Seiten geredet, aber er war natürlich ganz klar auf der Seite der armen Bevölkerung und hat deren Rechte vertreten und verteidigt. Das hat ihm am Ende auch das Leben gekostet. Und dieser Riss, der durch die salvadorianische Gesellschaft ging, der ist auch durch die Kirche gegangen. D. h. es gab zu Lebzeiten Romeros auch Bischöfe, die ganz klar auf Seiten des Militärregimes und der Reichen gestanden sind, die seine Gegner waren. Und Romero hatte auch Schwierigkeiten mit dem Vatikan, weil über den Nuntius, über andere Bischöfe, über Vertreter der Oberschicht negative Informationen über ihn nach Rom gekommen sind. Er musste sich verteidigen, sich rechtfertigen und das war mitunter sehr schmerzlich, weil für ihn die Treue zum Papst ein ganz wichtiges Lebensmotiv war.

Welche Bedeutung hat Romero heute?
P. M. Maier: Romero ist in El Salvador eine Gestalt der nationalen Identität, er ist im Bewusstsein der Bevölkerung präsent, ist Märtyrer. Auch junge Leute wissen, dass er sich für die Armen El Salvadors eingesetzt hat. Jedes Jahr zu seinem Todestag findet eine große Prozession durch die zentrale Straße der Hauptstadt zur Kathedrale statt, auf deren Vorplatz ein Gottesdienst gefeiert wird. Zehntausende Menschen nehmen daran teil. Seine Predigten werden immer wieder im Rundfunk übertragen. Auch über El Salvador hinaus ist Romero zu einer wichtigen Gestalt geworden, die für eine menschenfreundliche Kirche steht, die sich für Glaube und Gerechtigkeit einsetzt, die ungerechte Strukturen beim Namen nennt, anprangert und Veränderungen und Bekehrung fordert.


Pater Martin Maier wurde 1960 in Messkirch in Deutschland geboren. Der Jesuit und Theologe war von 1989 bis 1991 Pfarrer einer Landgemeinde in El Salvador. Seither ist er regelmäßig als Dozent an der zentralamerikanischen Universität in San Salvador tätig. Erzbischof Romero wurde für ihn zum großen Vorbild. Seine Doktorarbeit hat er über die Theologie der Befreiung verfasst. Von 1998 bis 2009 war Pater Martin Maier Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“, einer Zeitschrift der deutschen Jesuiten in München. Seit 2009 ist Maier Rektor des Münchner Berchmanskollegs.



Stichwort


Seligsprechung

Das Seligsprechungsverfahren für den am 24. März 1980 ermordeten Erzbischof San Salvadors, Oscar Romero, läuft seit 1995. Die Bischöfe El Salvadors haben kürzlich an den Papst geschrieben und um einen baldigen Abschluss des Verfahrens gebeten. Der Vatikan hat offenbar Bedenken im Hinblick auf die Motive der Ermordung Romeros. So seien für die Anerkennung des Martyriums der Ermordung nicht nur politische oder soziale Gründe maßgebend, sondern der Hass gegen den Glauben. „Romero wurde von Katholiken ermordet, von Leuten desselben Glaubens. Das ist ein Problem für Rom, denn Märtyrer werden gewöhnlich nicht von Katholiken geschaffen, sondern von anderer Seite“, so Prälat Rafael Urrutia, der als Postulator im Auftrag der Salvadorianischen Bischofskonferenz für das Verfahren tätig ist.

- Buchtipp: „Oscar Romero. Kämpfer für Glaube und Gerechtigkeit“ von Martin Maier. Verlag Herder, 2010, Euro 10,30.
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