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Da gibt es einige Lücken

Helmut Schüller zum Hirtenwort des Papstes
Ausgabe: 2010/12, Papst Benedikt, Irland, Helmut Schüller, Ombudsstelle für Missbrauch in der Kirche, Hirtenwort, Papst, Justiz, Kardinal Schönborn, irische Katholiken, Gehorsam, Konzil, Konzilstexte, Reformen, Zölibat, Ordensleute
24.03.2010
- Hans Baumgartner
Vergangenen Samstag veröffentlichte der Vatikan das Hirtenwort von Papst Benedikt an die katholische Kirche in Irland. Thema: Missbrauch in der Kirche. Wir sprachen mit Msgr. Helmut Schüller über das Dokument.

Wie beurteilen Sie das Hirtenwort des Papstes zu den Missbrauchsfällen in der Kirche?
Schüller: Ich begrüße, dass das Hirtenwort einige Klarstellungen enthält, die wichtig sind. Als Beispiel nenne ich die Aufforderung, bei Missbrauchsfällen mit den staatlichen Justizbehörden zusammenzuarbeiten.

Klar scheint mir auch die Botschaft an die Täter zu sein, ihre Schuld einzubekennen, sich der Justiz zu stellen und sich in ehrlicher Reue Gott anzuvertrauen. Ist das genug?
Schüller: Der Papst spricht hier sicher einige wesentliche Punkte an. Was mir aber völlig abgeht, ist, dass es sich beim Missbrauch von Minderjährigen in vielen Fällen nicht bloß um eine moralische Frage oder eine strafrechtliche Frage handelt. Hier gibt es auch einen therapeutischen Komplex, da es sich bei den Tätern häufig um Menschen mit krankhaften Persönlichkeitsstörungen handelt. Da kann man es – auch im Interesse der Gesellschaft – nicht dabei bewenden lassen, dass diese Leute verurteilt werden und in der Beichte Vergebung erfahren können. In diesem Zusammenhang müssten auch Maßnahmen zur therapeutischen Behandlung und Begleitung angesprochen werden. Das gilt im Übrigen auch für die Beichtväter, die nicht einfach lossprechen dürften, ohne die Leute anzuleiten, sich therapeutische Hilfe zu suchen.

Wie sehen Sie die deutliche Kritik des Papstes daran, wie manche Bischöfe ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben?
Schüller: Natürlich haben die Bischöfe und Oberen die oft schwierige Verantwortung, bei Verdachtsmomenten genau hinzuschauen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Was mir auffällt, ist, dass in dem Hirtenwort die Mitverantwortung der obersten Kirchenleitung – der Kurie und des Papstes – mit keinem Wort angesprochen wird. Die Bischöfe erleben sich oft in einem System, wo sie zu absolutem Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichtet sind. Deshalb hat der Vorwurf an sie, dass sie aus Angst vor Skandalen und vor der Beschmutzung der Kirche manches vertuscht hätten, auch eine zweite Seite.

Kardinal Schönborn und andere heben hervor, wie „berührend“ der Papst die Opfer anspricht. Sehen Sie das auch so?
Schüller: Das Hirtenwort enthält Worte an die Opfer, die ernsthaft Verstehen und Mitgefühl im Leid und Unrecht ausdrücken. Aber ich verstehe auch die Enttäuschung der Opfer, dass kein einziges Mal das Wort „Entschuldigung“ aus dem Mund des Papstes kommt.

Der Papst nennt als Ursache der Krise die Säkularisierung der Gesellschaft und auch falsch gelesene Konzilstexte. Ist das so?
Schüller: Wenn wir von Missbrauch reden, dann geht es vor allem um Hausaufgaben, die nicht gemacht wurden, um die fehlende Unternehmenskultur in der Kirche, um klare Richtlinien des Vorgehens und der Vorbeugung, die leider auch im Hirtenwort wieder fehlen. Missbrauch hat mit der Freizügigkeit in der Gesellschaft oder mit „liberalen“ Strömungen in der Kirche wenig zu tun, da geht es um schwere Persönlichkeitsstörungen.

Angesichts der Missbrauchsfälle fordern viele jetzt Reformen in der Kirche (Zölibat, Mitbestimmung u. a.). Wie sehen Sie das?
Schüller: Das sind zwei Paar Schuhe. Das eine sind Hausaufgaben, die so oder so zu machen sind – bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen, bei der Begleitung von Opfern und Tätern oder bei der Auswahl und Ausbildung von Priestern und Ordensleuten. Davon klar zu trennen sind theologisch begründete und pastoral notwendige Reformen.



Zur Sache


Papst Benedikt an die Kirche in Irland

„Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen“, wendet sich Papst Benedikt an die Opfer des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. In seinem Hirtenwort an die irische Kirche, das, so Kardinal Schönborn, auch „eins zu eins für uns gilt“, ruft der Papst mehrfach dazu auf, die „ungeheuerlichen Verbrechen“ offen zuzugeben, bei der Aufklärung und Sühne mit den staatlichen Justizbehörden zusammenzuarbeiten und die kirchenrechtlichen Vorgaben einzuhalten. An die irischen Katholiken schreibt er: „Ich kann die Bestürzung und das Gefühl des Vertrauenseinbruches nur teilen, das so viele von euch erfahren haben, nachdem sie von diesen sündhaften und kriminellen Taten und der Art, wie kirchliche Autoritäten damit umgegangen sind, erfahren haben.“ Es müsse dringend gehandelt werden, um den Opfern und ihren Familien Heilung zu ermöglichen, um die Vorgänge aufzuklären und um zu verhindern, dass Missbrauch weiterhin geschehe.

In seinem Hirtenwort wendet sich Papst Benedikt in eigenen Abschnitten an die Opfer, die Täter, an die Bischöfe, an die Kinder und Jugendlichen, an die Priester und Ordensleute und die Gläubigen. Er spricht nicht nur vom Leid, das die Täter den Opfern angetan haben, sondern auch vom Leid, das die Opfer durch schwere Fehler der Kirchenleitung erfahren haben. Dadurch, so der Papst, sei das Evangelium in einer Weise verdunkelt worden, „wie das nicht einmal in den Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist.“ Unter „konkreten Initiativen“ schlägt der Papst abschließend vor allem spirituelle Übungen (Gebet, Beichte, Anbetung, Mission) sowie die Apostolische Visitation mancher Diözesen vor.


- Das Hirtenwort im Wortlaut:

Hirtenbrief_20_03_2010.pdf
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