Apallisches Syndrom: Wachkoma. Der Patient scheint wach zu sein, kann aber mit seiner Umgebung nicht bewusst Kontakt aufnehmen. – Michael Breinesberger ist Wachkoma-Patient. Er hatte vor fünf Jahren einen Unfall. Heute ist er in zunehmender Rückbildung, Erholung. Schwere Schäden werden aber bleiben. Die Eltern hoffen, dass Michael so weit kommt, sich seiner Sachen wehren zu können. Sagen zu können, was er möchte und was nicht.
Auf dem Weg zu seiner Lieblings-Freizeitbeschäftigung Schwimmen verunglückt der damals 15-jährige Michael Breinesberger aus Ohlsdorf am 28. Juni 2005 mit dem Moped. Einige Zeit ringt er mit dem Tod und hat mehrere Schlaganfälle, Lungenentzündungen, Fieberschübe. Seine Eltern fühlen sich in dieser Phase hin- und hergerissen zwischen Himmel und Hölle. Als Folge der schweren Gehirnverletzungen wird Michael ein Wachkoma-Patient. Nach Spital und Reha kehrt er zehn Monate nach seinem Unfall in die Familie zurück.
Singen und essen. Am Nachmittag von Maria Verkündigung, 25. März 2010, der Föhn sorgt für Temperaturen um die 20 Grad, sitzt Michael im Rollstuhl auf der Terrasse des Elternhauses. Eine Helferin reicht ihm, auf eine Gabel gespießt, kleine Apfelstücke. Michael trägt eine Brille, er ist blind, sein Sehvermögen zerstört. Die Helferin greift zur Gitarre und spielt Michael Lieder vor, zu denen er mit der rechten Hand im Takt swingt. Manchmal wiederholt er auch Refrains. Von Zeit zu Zeit hebt die Helferin sanft Michaels Kopf, der nach vorne auf die Brust gesunken ist.
Kein Wunder. Vom 28. Juni 2005 bis heute haben Ärzte, Pflegende, Helferinnen und vor allem seine Eltern Christa und Karl Breinesberger alles getan, Michael auf seinem Weg heraus aus dem Wachkoma zu unterstützen. Als drei Monate nach dem Unfall die Eltern ein Augenblinzeln bei Michael wahrnehmen, drängen sie die Ärzte: Schaut, Michael reagiert! Hieß es bis dahin, dass kein Fortschritt zu erkennen sei, wird nun mit der intensiven Mobilisierung begonnen – Michael kommt sieben Monate auf Reha. Von dieser haben sich die Eltern Wunder erwartet, „die sind aber nicht gekommen“. Als der Bub heimkommt, kann er außer atmen nichts. Er wird über eine Sonde ernährt.
Viele Mühen. Für die Eltern beginnt eine Zeit intensiver Kontakte mit den Gesundheitsbehörden. Eine andere Betroffene, Helga Roller aus Neukirchen am Walde, die seit drei Jahren ihren Bruder im Wachkoma pflegt, ist enttäuscht, was sie da erlebt hat: „Zuerst werden sie wiederbelebt, und dann sollen’s nichts kosten!“ Die Breinesberger richten ihr Leben nun ganz nach den Bedürfnissen ihres Sohnes aus. Handgriffe lernen, Unterstützungen organisieren. Logo-, Physio- Ergo-, und Musiktherapeuten helfen. Von ihnen lernen die Eltern auch. Helferinnen entlasten die Angehörigen. Wenn seine Eltern heuer erstmals wieder Urlaub machen, wissen sie, dass Michael schon viele Fortschritte gemacht hat und im Feichtlgut vorübergehend gut untergebracht ist.
Fortschritte. Zu Ostern 2006 lacht Michael das erste Mal. Und als ihm die Kanüle abgenommen wird, redet er englische Phrasen. „Wahrscheinlich Schulerinnerungen“, sagt der Vater. Unterstützt durch das Singen von Kinderliedern, kehrt sein Sprachvermögen wieder. Auch ich komme, als ich gehe, in den Genuss dieses sich wieder Ausdrücken-Könnens. Michael sagt zum Abschied leise: „Ciao!“ Er kann auch essen. Es geht vorwärts, in vielen kleinsten Schritten. Zuerst waren es zwei, drei Löffel Götterspeise, dann Jogurt, Breikost, weiche Kost. Noch heute entrinden die Eltern das Brot. Aber Michael kann essen. Und er kann kurz stehen, hat so viel Körperkontrolle, dass er nicht gleich zusammensackt. Frühere Freunde erkennt er an der Stimme. Er kann sich freuen. Sichtlich Spaß hat er im Schwimmbad und genießt es, in Gesellschaft zu sein. Diese kleinen Fortschritte sind der Lohn der nie aufgegebenen Hoffnung. Einer Hoffnung, die anfangs am heftigsten bedroht war, wenn Zeit zum Entspannen und damit zum Nachdenken war. Eine Hoffnung und ein Einsatz, zu demMichael noch nicht danke sagen kann, aber zu dem er als Ganzes Dankbarkeit versprüht, spürt die Mutter.
Wachkoma-Patienten
In Oberösterreich leben – davon geht die „Schädel-Hirn-Trauma-Lobby“ SHT aus – etwa 100 Wachkoma-Patienten. Die eine Hälfte ist in Pflegeheimen untergebracht, die andere Hälfte wird zu Hause betreut. Die Patienten bedürfen aufwändiger Pflege- und Ernährungsbereitstellung (Magensonden) und intensiver Therapie, um so die Chance auf Besserung zu wahren, denn Rückbildungen sind möglich, und auch um Sekundärverschlechterungen zu verhindern bzw. zu vermindern, z.B. Gelenkskontrakturen.
- Der Verein SHT Lobby begleitet Angehörige, die oft großen seelischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Er ersucht alle, die einen Angehörigen im Wachkoma zu Hause pflegen, mit ihm Kontakt aufzunehmen, um zumindest die Zahl der daheim Gepflegten zu erheben.