„Zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen unerlässlich. Aber sie allein werden nicht ausreichen. Wir brauchen eine neue Vision.“ So schreibt Papst Benedikt in seinem Hirtenwort an die irischen Katholiken. Wo sieht sie im Karfreitag der Kirche ein neues Ostern? Das fragten wir die Pastoraltheologin Regina Polak.
Eine Momentaufnahme: 82 Prozent der Leser/innen einer seriösen Tageszeitung sagen, dass die Kirche an Bedeutung verliert. Wie kommt man aus dieser Krise heraus?
Polak: Wir müssen diese Krise ernst nehmen, sie ist keine Erfindung übelmeinender Medien; und wir müssen dieser Krise auf den Grund gehen. Wer meint, mit ein paar Maßnahmen zur besseren Missbrauchsbekämpfung sind wir wieder über dem Berg, der irrt.
Wie erklären Sie sich dann die Hektik, mit der jetzt in vielen Diözesen neue Maßnahmen gegen Missbrauch gesetzt werden?
Polak: Ich glaube, da spielt schon auch die Sorge mit, dass einem die Leute davonlaufen. Denn nach dem Beschluss der Bischofskonferenz, dass man gemeinsame Richtlinien und Standards schaffen will, verstehe ich manche „Schnellschüsse“ nicht. Und ich halte sie auch für wenig sinnvoll, denn das, was wir jetzt brauchen, ist eine gründliche Aufarbeitung der Vergangenheit. Es ist noch längst nicht alles im Licht, was das Verhalten gegenüber Opfern und Tätern angeht, was die innerkirchlichen und gesellschaftlichen, sozialpsychologischen etc. Ursachen angeht, die Gewalt und Missbrauch begünstigen. Ausgehend von dieser Analyse ist dann zu schauen, was in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft zu tun ist im Sinne einer wirksamen Prävention. Das heißt nicht, dass wir die Auseinandersetzung mit diesen schrecklichen Vorkommnissen, wie sie jetzt öffentlich werden, auf die lange Bank schieben. Aber wir müssen genau hinschauen, was da geschehen ist und warum das so passiert ist.
Wenn Sie „Vergangenheitsbewältigung“ sagen, trifft das nicht auch manche Strukturen und Verhaltensmuster in der Kirche?
Polak: Ich denke, dass die momentan aufgebrochene Krise den Erosionsprozess in der Kirche beschleunigt. „Vergangenheitsbewältigung“ heißt daher auch, damit zu rechnen, dass die Kirche in der Form, wie wir sie jetzt kennen, nicht bleiben wird, dass wir Abschied nehmen müssen von einer Gestalt von Kirche, die auch mit viel sozialer, politischer oder gesellschaftlicher Macht verbunden war. Sich dieser Wirklichkeit zu stellen, wird Schmerzen verursachen, wird Widerstand verursachen, wird Wegschauen hervorrufen. Deshalb meine ich ja, wir werden nicht so schnell über dem Berg sein. Wir gehen zum einen in eine schwierige Zeit hinein – und das braucht eine bewusste und breite Auseinandersetzung mit dem, was da eigentlich mit uns jetzt geschieht; zugleich aber sehe ich darin auch so etwas wie eine „Gnade der Stunde“, dass wir von vielem befreit werden.
Machen wir es konkret: Welche neue Gestalt von Kirche stellen Sie sich vor? Und wo sind die Reibungsflächen auf diesem Weg?
Polak: Ich sehe da mehrere Handlungsfelder, die auch damit zu tun haben, dass viele heute in der Kirche an dem anhaltenden Reformstau leiden. Ein erster Punkt: Die Kirche ist von je her sowohl hierarchisch als auch synodal strukturiert. Und da gibt es heute, wie ich meine zurecht, einen massiven Druck, das synodale Prinzip zu stärken – und zwar im Sinne einer echten Teilhabe und Mitentscheidung auf allen Ebenen der Kirche. Das würde, zumindest teilweise, auch eine Einbindung der Frauen in die Kirchenleitung erleichtern. Ein zweiter Punkt ist: Wir brauchen eine gründliche Auseinandersetzung darüber, was Hierarchie, was Leitung im Sinne Jesu bedeutet. Denn eines ist klar, eine so große Kirche braucht eine effiziente Leitung. Aber Hierarchie ist nicht ident mit Autoritarismus. Leitung im Sinne des Evangeliums bedeutet immer Dienst am Menschen. Das ist nicht bloß eine moralische Frage des „guten Willens“, sondern hier geht es darum, Macht, Leitung, Institution etc. entsprechend zu gestalten. Aber die neue Gestalt der Kirche wird sich nicht nur darin zeigen müssen. Und ich halte auch nichts davon, wenn wir alle Energie in die Reform der Strukturen, die Zulassung zu Weiheämtern etc. investieren. Das kann auch zur Selbstblockade führen, zu einer Lähmung aus wachsendem Frust. Auch Moses hat das Gelobte Land nicht erreicht, aber er hat alles getan, dass es sein Volk erreicht. Das soll kein billiger Trost sein. Aber es ist für mich ein gutes Bild für eine Spiritualität der Geduld, das Ziel im Auge zu behalten und gleichzeitig das Notwendige und Mögliche zu tun.
Was meinen Sie, wenn Sie – abgesehen von den klassischen Reformfragen – von einer neuen Gestalt der Kirche sprechen? Polak: Ich will keine Unheilsprophetin sein, aber ich glaube, dass unsere Kirche, so schmerzlich das auch ist, kleiner werden wird. Die Erschütterungen, die sich jetzt zeigen, haben tiefere Wurzeln als die Missbrauchsfälle. Wir zahlen jetzt den Preis der Geschichte. Es gab viel zu lange eine sehr repressive und auf Moral reduzierte Katholizität in unserem Kulturraum, die vielen Leuten die befreiende Botschaft des Evangeliums verdunkelt hat. Warum gerade in Österreich die Jugend, stärker als in anderen deutschsprachigen Ländern, so kirchendistanziert ist, muss uns zusätzlich zu denken geben. Von da her meine ich, dass wir neue Aufbruchsorte brauchen, Gemeinden, in denen Christinnen und Christen gemeinsam überlegen, was es heißt, den Glauben heute zu lernen und zu leben.
Und, was heißt es? Polak: Ich sehe da zwei zentrale Ansatzpunkte. Wir brauchen eine vertiefte Spiritualität, die sich vor allem aus dem Lesen und Meditieren der Bibel nährt. Und wir brauchen Gemeinden, die ausbrechen aus den gewohnten Gleisen, aus der – oft gut gemachten – Verwaltung des Kirchenjahres; Gemeinden, die hinausgehen und die Ohren aufmachen für die Probleme und die Nöte der Menschen, für lebensfeindliche Situationen in ihrem Krätzl, in ihrem Ort. Gemeinden, die Anstöße geben und Kooperationen mit andern suchen – und so zum Salz der Erde werden. Die Bibel ist voll von Aufbruchsgeschichten und ich frage mich: Wo sind heute die Gemeinden, wenn es gilt, den Arbeitslosen beizustehen oder das Zusammenleben mit Zuwanderern besser zu gestalten. Ja, es gibt sie, aber sind es genug? Das, was mir in der gegenwärtigen Kirchenkrise am meisten Magenweh bereitet ist, dass wir als Kirche unsere Kraft, in die Gesellschaft hineinzuwirken, weiter verlieren. Dabei geht es mir nicht um Macht, sondern um die Menschen und ihre Probleme. Und wenn es darum geht, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen und der lebensstiftenden Kraft des Evangeliums Raum zu verschaffen, dann wird das vor allem von unten her wachsen müssen.
Und wie kann man diesen Aufbruch vom Karfreitag der Kirche nach Ostern hin auf den Weg bringen? Ist da das Beispiel der Emmausjünger hilfreich? Polak: Wenn man das Bild verwendet, um dem Karfreitag auszuweichen, um vor ihm davonzulaufen, dann ist es nicht hilfreich. Es wird nicht ohne mühevolle und auch schmerzhafte Prozesse gehen. Auch die Emmausjünger haben zunächst nicht begriffen. Erst im Brotbrechen sind ihnen die Augen aufgegangen. Sie haben erfahren, was es heißt, dass Gott uns teilhaben lässt an seinem Leben. Überall dort, wo sich Menschen in Gott verankert gemeinsam auf den Weg machen, kann etwas von Auferstehung spürbar werden, aber eben nur etwas und vorläufig.
Im Blick
Fußwaschung
Wie lernen wir glauben neu? Dazu bringt Regina Polak ein Beispiel: Zuerst feiert Jesus (das Paschamahl) mit seinen Jüngern; dann bricht er aus der gewohnten Handlung aus, setzt einen irritierenden Akt selbstlosen Dienens – und dann erst kommt das Deutungswort (wie ich euch getan habe, so sollt auch ihr tun …). In unserer pastoralen Praxis würde die Geschichte so aussehen: Jesus stellt sich hin, sagt, ihr sollt einander dienen. Und wie das geht, zeige ich euch jetzt. Und dann gibt es Agape (Feier). Jesus zeigt, es geht anders: Nicht indem wir uns hinstellen und den Leuten sagen, so und so ist das und jetzt setzen wir es um. Jesus lebt Gemeinschaft, daraus kommt die Kraft zum Dienen, zum Aufbruch. Und dann zeigt er, was das mit Gott zu tun hat.