Judith und Marco kommen zu mir in die Paarberatung. „Wir reden ständig aneinander vorbei“, beginnt Judith, worauf Marco kontert: „Mit dir kann man ja nicht reden, du wirst gleich so emotional!“
Ausgabe: 2017/01
03.01.2017
- Albert Feldkircher
Offenbar ist die Kommunikation bei diesem Paar in eine Sackgasse geraten. Schuld daran sind Unterschiedlichkeiten: Frauen sind anders, Männer auch. Das mag nach Schwarz/Weiß klingen, tatsächlich haben wir es mit nicht zu unterschätzenden Hürden in der Verständigung zu tun.
- Männer benützen häufiger eine Berichtssprache (kurz, sachlich), Frauen eine Beziehungssprache (Gefühle, Stimmungen).
- Für Frauen ist das Reden eher dazu da, um Verbindung herzustellen. Männer lieben es, Worte zur hieb- und stichfesten Argumentation zu gebrauchen.
- Frauen wollen Gemeinschaft (und Übereinstimmungen) herstellen, Männer eine Position beziehen und verteidigen.
- In kritischen Situationen suchen Männer rasch nach Problemlösungen, Frauen wollen sich der Zusammengehörigkeit vergewissern.
Wie gelingt Verständigung?
Ich glaube, indem wir diese Unterschiedlichkeiten akzeptieren. Da kommt der erste Satz im Eheversprechen zum Tragen: „Ich nehme dich an als meine Frau/meinen Mann ...“ Wir müssen nicht gleich sein, um einander verstehen zu können.
Dann schauen wir darauf, wodurch sich die Kommunikation von zufriedenen und unzufriedenen Paaren unterscheidet: Unzufriedene Paare kommunizieren oft negativ: Kritik, Abwertungen, verächtliche Bemerkungen, Zurückweisungen, Kränkungen, Rückzugsverhalten. Verbale Äußerungen sind häufig mit nonverbalen negativen Botschaften gekoppelt, wie abgewandte Haltung beim Reden, kein Blickkontakt, zwischen „Tür und Angel“. Zufriedene Paare zeichnen sich durch einen positiven Umgang aus: Einfühlungsvermögen, aktives Zuhören, mehr versöhnende, die Kommunikation erleichternde Gesten und Handlungen.
Was es braucht
Mann und Frau möchten spüren, dass sie für den anderen wichtig sind. Das wird durch die Art und Weise, wie sie miteinander reden, miteinander umgehen, deutlich.
Wenn man jemanden lieben kann oder wenn wir uns geliebt fühlen, gelingt es uns besser zu verstehen, was der andere uns zu verstehen geben möchte.
Die Tiefe des Verstehens liegt in der versöhnten Verschiedenheit. Die entsteht, wenn Paare das „Umerziehungsprogramm“ ad acta gelegt und sich gegenseitig akzeptiert haben mit ihren Eigenarten.
Vorwürfe sind eingefrorene Bedürfnisse. Bevor ich dem anderen etwas vorwerfe, schaue ich nach, welche eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen. Statt: „Du hörst mir nie zu!“, könnte das heißen: „Ich möchte von dir gehört und ernst genommen werden.“
Manche Paare reden nicht mit-, sondern gegeneinander. Wenn ich den anderen als Gegner bekämpfe und nur darauf aus bin, die Diskussion zu gewinnen, sollte ich besser einen Sparringpartner nehmen.
Wahrscheinlich ist es wichtiger, einander zu trauen als einander zu verstehen.
Mit Judith und Marco mache ich selbst ein Coaching und rate ihnen, ein Kommunikationstraining für Paare zu besuchen. Diese Trainings werden von der katholischen Kirche in verschiedenen Bildungshäusern angeboten und zeigen nachhaltige Wirkung.