Xavier Dolans neuer Film „Einfach das Ende der Welt“ beweist, dass man ein Theaterstück filmisch adaptieren kann, ohne das Theatralische zu leugnen.
Ausgabe: 2017/01
03.01.2017
- Markus Vorauer
„Der Störenfried“, schreibt Dieter Thomä in seinem neuen Buch Puer Robustus – Eine Geschichte des Störenfrieds, „befindet sich am Rand, an einer Schwelle, ja er führt ein Leben auf der Schwelle.“ Von einem dieser Störenfriede, dessen Leben buchstäblich an der Schwelle steht, handelt der neue Film von Xavier Dolan. 27 Jahre alt ist der kanadische Schauspieler, Drehbuchautor, Cutter und Regisseur. „Einfach das Ende der Welt“ ist sein sechster Film seit 2009, arbeitsscheu sieht anders aus. Gegen den Jurypreis, mit dem er heuer für diesen Film in Cannes prämiert wurde, wurde allseits heftig protestiert. Das Drehbuch sei sprunghaft, der Film geradezu hysterisch. Nichts davon stimmt, vielmehr beweist Dolan mit der Adaption des gleichnamigen autobiographischen Theaterstücks von Jean-Luc Lagarce, der 1995 an AIDS starb, wie man ein Theaterstück für die Leinwand adaptieren kann, ohne die Essenz des Theaters zu verraten. Theatralisch, inszeniert, ja stilisiert sind alle Filme von Dolan. Doch sein Gespür für Licht, Dekor, Bild- und Tonmontage ist bestechend, wie auch dieser Film belegt.
Nach zwölf Jahren kehrt Louis, ein 34-jähriger erfolgreicher Schriftsteller, nach Hause zurück, um seiner Familie mitzuteilen, dass er an AIDS sterben wird. Zu Hause erwarten ihn die vereinnahmende Mutter, der cholerische ältere Bruder, die fragile jüngere Schwester und die verwirrte Schwägerin, die er noch nie gesehen hat. In der Zeitspanne vom Mittagessen bis zum Abendessen manifestieren sich die Unzulänglichkeiten, Sorgen, Minderwertigkeitskomplexe der Familienmitglieder, aber auch ihr Neid und Hass auf den Rückkehrer.
Begehren nach Frieden
Mit einem großartigen Schauspielerensemble (Gaspar Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux, Vincent Cassel, Marion Cotillard) schafft es Dolan, die eigenwillige Sprache von Lagarce für den Film zu bewahren. „Seine Charaktere“, sagt Dolan, „schwimmen in einem Meer von Wörtern.“ Man schreit sich an, beschimpft sich, hört aber nicht zu. Je mehr sich die Figuren in Rage reden, desto mehr verfällt der Protagonist in eine konsternierte Passivität, die zwölf Jahre Absenz haben ihn von seiner Familie entfremdet und umgekehrt. Doch Dolans Film ist nur auf den ersten Blick theatralisch, vielmehr inszeniert er in den Blickkontakten ein verzweifeltes unausgesprochenes Begehren nach Frieden, das die Fragilität der Figuren nur noch stärker betont. Und die Tonmontagen führen ausgehend von Gegenständen in eine Vergangenheit, die nur noch in kurzen Momenten für die Gegenwart gerettet werden kann. „Warum bist du hier?“ Zur Antwort wird sich Louis nicht durchringen können und so bleibt ihm nur das Schicksal des Störenfrieds, der weder drinnen (in der Familie) noch draußen (in der Berufswelt, darum die Rückkehr) beheimatet ist und sich darum an der Schwelle herumtreiben muss. Bezeichnenderweise endet der Film auch mit einer Einstellung auf eine Türschwelle.