„Wer auch immer einem illegalen Flüchtling hilft, kann mit fünf Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 30.000 Euro bestraft werden.” – Das so genannte „Delikt der Solidarität” ist im Artikel L622-1 des französischen Immigrationsgesetzes beschrieben und unter der Regierung Sarkozy beschlossen worden. Es bildet den politischen Hintergrund von Philippe Liorets sechstem Film, der in einer der wichtigsten Hafenstädte Europas situiert ist. Calais ist nach Aussagen des Regisseurs die mexikanische Grenze Frankreichs.
Im Visier der Polizei. „Welcome“ erzählt die Geschichte der Begegnung zwischen dem Schwimmlehrer Simon (Vincent Lindon) und Bilal (Firat Ayvardi), einem 17-jährigen Kurden aus dem Irak, der zu seiner Freundin, die mit ihrer Familie in London lebt, will. Simon unterstützt den Jungen im Alltag und gibt ihm Schwimmunterricht, weil dieser die 34 km entfernt liegende Küste Englands schwimmend erreichen will. Simon steht gerade vor der Trennung von seiner Frau (Audrey Dena), einer Lehrerin, die in ihrer Freizeit in der Immigrantenhilfe tätig ist. Um ihr zu imponieren, verstrickt sich Simon immer mehr im Engagement für Bilal, sodass er für die Polizei suspekt wird und sich schließlich mit permanenter Überwachung konfrontiert sieht.
Alltag der Migranten. Liorets Film skizziert in den ersten 20 Minuten die Situation der Migranten in Calais: Man sieht die Schlepper und die Lastwägen, in denen sich die Flüchtlinge verstecken, die Plastiksäcke, die sie sich beim Grenzübertritt überstülpen, damit ihr Atem von den Beamten nicht wahrgenommen werden kann, die latenten Aggressionen unter den Migranten, den Zynismus der Polizisten, wenn sie wieder einmal Illegale festgenommen haben. Lioret präsentiert die Hafenstadt in einem kalten, winterlichen Licht als Nicht-Ort, der die psychische und existenzielle Ausgegrenztheit und Einsamkeit der Flüchtlinge akzentuiert. Doch nach und nach richtet sich der Fokus des Dramas auf das aggressive Vorgehen des Staates gegenüber Simon, dessen Engagement als gefährlich eingestuft wird. In oft nur kurzen, scheinbar beiläufig einmontierten Sequenzen manifestiert sich ein Klima der omnipräsenten Denunziation: Ausländer werden aus den Supermärkten gejagt oder von Polizisten am Straßenrand verprügelt. Die Nachbarn observieren wie Spione jede öffentliche Handlung von Simon. Hausdurchsuchungen bedürfen keiner Genehmigung mehr. Auf dem Fußabstreifer jenes Nachbarn, der Simon bei der Polizei anzeigt, steht zynischerweise „Welcome“, doch die Tür bleibt geschlossen, als Simon versucht, ihn zur Rede zu stellen.
Parallelen zu 1943. „Das, was in Calais passiert, erinnert mich an das, was in Frankreich während der deutschen Besatzung 1943 vorgefallen ist, wenn man einen Juden versteckt hielt”, sagte Lioret bei einer Vorpremiere zum Film und löste damit eine Polemik aus, die den Minister für Immigration und nationale Identität (!) Eric Besson, dazu veranlasste, zu einem Boykott gegen den Film aufzurufen. Liorets Vergleich mag übertrieben wirken, aber wenn man an die Markierungen an den Händen denkt, mit denen die Flüchtlinge gekennzeichnet werden, muss sehr wohl von einer neuen Dimension der Einwanderungspolitik gesprochen werden. Und dass die Geldgier im Westen die Immigrantenströme weiter antreiben wird, wird im letzten Bild des Films auf zynische Weise verdichtet: Wenn da einer der bestverdienenden Fußballstars von Manchester United nach dem Torjubel mit Siegerpose aus dem TV-Schirm lächelt, wird die Verführungskraft solch verlockender Bilder im Kontext der erzählten Geschichte mehr als nur ambivalent. Bilals Traum war es, einmal bei diesem Club spielen zu können.