„Liebe ist ein Tätigkeitswort“, sagt Alfons Vansteenwegen. Nach der Verliebtheit erkennt man, wie sein Partner wirklich ist – wenn man sich für ihn oder sie interessiert.
Das wichtigste Kriterium für eine erfolgreiche Beziehung ist laut Vansteenwegen heute, dass man sich „gut fühlt“ miteinander. Beziehungen werden beendet, wenn dieses „Sich-Gut-Fühlen“ nicht mehr da ist. Die Begründung für gescheiterte Beziehungen lautet dann oft: „Es sind keine Gefühle mehr da.“
Mehr als ein Gefühl. „Ich möchte beweisen, dass eine Beziehung mehr ist als ein Gefühl“, sagt der Psychologe und Paartherapeut. Am Anfang der Beziehung steht wohl die Verliebtheit. „Verliebtheit ist Einbildung“, meint Vansteenwegen. Verliebte sehen in ihrem Gegenüber ein Wunschbild – ein Ideal, das die Umwelt nicht sieht. Im täglichen Zusammenleben machen sich die verschiedensten Unterschiede zwischen den Partnern bemerkbar. Das sind alltägliche Dinge wie: Für ihn ist eine Tasse leer, wenn sie vollständig leer ist, für sie heißt leer, dass noch ein kleiner Rest Kaffee darin ist. Er ärgert sich täglich, dass er den Rest in die Spüle gießen muss, bevor er die Tasse in den Geschirrspüler stellen kann.Es gibt auch Unterschiede in den „Programmen des Zusammenlebens“. Zum Beispiel beim Umgang mit Kindern und mit Geld.
Unterschiede. Zeit wird ebenfalls unterschiedlich erlebt. Was für den einen lang vorbei ist, muss der andere noch verarbeiten. Es gibt auch Unterschiede in der Sicht der Dinge – Was war zuerst da, und was ist eine Reaktion darauf? Ein Beispiel: Für Sabine war die Heirat eine Möglichkeit, von den Eltern wegzukommen und als selbstständige Frau zu gelten, Jakob wollte mit seiner Frau ein heimeliges Nest schaffen. Sie möchte viel (allein) unternehmen, er möchte lieber gemütlich mit ihr daheim sein. Sie wirft ihm vor, dass er sie kontrolliert, und sie müsse Abstand halten, damit sie nicht verwachsen. Er meint, wenn er nicht darauf achten würde, dass sie Zeit zu zweit verbringen, würden sie sich gar nicht mehr sehen. Jeder sieht den Anfang für die Entwicklung beim anderen. „In Wirklichkeit beginnen sie natürlich gleichzeitig“, meint Vansteenwegen. „Mit den besten Vorsätzen und mit viel Einsatz bewirken beide das, wovor sie sich fürchten.“
Ausgeträumt. „Es tut weh, wenn nach der Verliebtheit das ideale Bild der Geliebten zerbricht oder wenn man selbst vom Sockel fällt“, so Vansteenwegen. „Aber dieses Weh ist der einzige Zugang zu einer realistischen, wirklichen Beziehung.“ Der Partner ist immer anders als man ihn erträumt, aber er ist dann wirklich! Alfons Vansteenwegen ist überzeugt davon, dass man Intimität lernen kann: „Man kann lernen, selbst zu sein, Ich-Aussagen zu machen, seine Gefühle auszudrücken, mitzuerleben und mitzuempfinden, sexuell zu genießen, Zeit zu haben und zu verhandeln.“ Manche müssen aber erkennen, dass die Unterschiedlichkeiten zu groß sind und zu einer echten Scheidung führen. „Eine Scheidung kann nötig, sein, gut sein und mutig sein“, meint der Psychologe. Für ihn ist eine interessante Beziehung „eine Beziehung, in der die Partner ständig dabei sind, etwas übereinander hinzuzulernen.“
Zur Sache
Unterschiede überwinden
Nach der Verliebtheit können Paare eine „reale Intimität“ aufbauen. Dazu gehört:
- Ich selbst sein können und dürfen: Man braucht sich nicht besser darzustellen, als man wirklich ist.
- Wirkliches miteinander Reden: Das echte Gespräch ist die Voraussetzung für alle wirkliche Gemeinsamkeit. Etwa: Was heißt für uns beide „Geld“? Und nicht: „Was heißt Geld für dich oder für mich?“. Partner, die nicht miteinander reden, bleiben Fremde füreinander.
- Gefühle ausdrücken: Wir machen Gefühle nicht, wir finden sie in uns. Speziell negative Beziehungsgefühle müssen ausgedrückt werden. Negative Gefühle machen auf Dauer krank, und sie können nicht zu zweit durch- und verarbeitet werden.
- Miterleben, mitfühlen: In einer intimen Beziehung fühlen sich Menschen ineinander ein und würdigen die Gefühle des Partners. Das heißt nicht: „Ich fühle das selbe wie du“, sondern: „Ich kann verstehen, dass du dich so fühlst.“ Das heißt nicht, dass man jedes Verhalten des Partners hinnimmt.
- Sexuelle Intimität: Sexualität drückt ohne Worte etwas aus über Achtung, Gernhaben, Anerkennung, Faszination. „In einer lang dauernden Beziehung ist Sex die Überwindung von Unterschieden“, so Vansteenwegen. „Es ist immer ein Risiko!“
- Zeit finden: Gemeinsame Zeit findet sich nicht, sondern wird „gemacht“. Man muss zweimal Innehalten: Mit sich selbst, um zu erfahren, was in einem vorgeht, und mit dem Partner, um Gefühle mitzuteilen und zu erfassen. Zeit geben heißt Wert geben.
- Verhandeln: Eine Auflösung der Unterschiede finden.
Univ.-Prof. Dr. Alfons Vansteenwegen,Psychologe, Paartherapeut, Kommunikationswissenschafter, Löwen, Belgien