Geistige Leistungsfähigkeit kann man genauso üben wie körperliche Fitness
Ausgabe: 2010/21, einen wacheren Geist, geistige Leistungsfähigkeit, körperliche Fitness, Dr. Katharina Turecek, Gehirnforscherin, vernachlässigter Muskel, Gehirntraining, Kreuzworträtsel, Elefantenhirn
26.05.2010
- Judith Moser-Hofstadler
Je mehr es genützt wird, desto mehr hat man von seinem Gehirn. Das tägliche Kreuzworträtsel oder Sudoku ist für die geistige Fitness aber zu wenig.
In Zeiten der Informationsflut hat unser Gehirn eine tolle Gabe entwickelt: Unsere Wahrnehmung nimmt ab. Deshalb fragen sich viele Menschen am Abend, was sie den ganzen Tag über eigentlich gemacht haben. Man kann üben, die Zeit anzuhalten, die an einem vorbeirast und das Leben wieder bewusst wahrnehmen. Um geistig fit zu sein ist es erstes Gebot, die Wahrnehmung zu stärken.Eine Übung dafür wäre, eine 5-Cent-Münze auf einem Blatt Papier zu skizzieren. Wie groß ist sie? Wie ist der Rand beschaffen? Was zeigt der Aufdruck? Die Skizze vergleicht man dann mit der tatsächlichen Münze. Das funktioniert zum Beispiel auch mit der Armbanduhr.
Eins nach dem anderen. Im Alltag machen wir viele Dinge automatisch. Wer über die Einkaufsliste nachdenkt, während er den Herd abschaltet, muss später überlegen, ob das auch erledigt ist. Katharina Turecek schlägt vor, zu der Situation, die man häufig vergisst, bewusst einen Satz zu formulieren, der die Tätigkeit beschreibt: „Jetzt schalte ich den Herd ab.“ So nimmt man die Situation bewusst wahr und kann sich später daran erinnern. Das gilt auch für andere Situationen wie „Auto abschließen“ oder sich daran erinnern, wo man das Auto geparkt hat. Wer meint, mehrere Dinge gleichzeitig erledigen zu können, wird von der Gehirnforschung enttäuscht: Wir können nur eine Aufgabe bewusst erledigen. Deshalb sollte man eher darauf achten, konzentriert zu arbeiten und sich weniger ablenken zu lassen. Eine Übung dafür von der Hirnforscherin heißt „Radio gegen Fernseher“: Schalten Sie gleichzeitig Radio und Fernseher ein. Setzen Sie sich so, dass sie das Bild des Fernsehers nicht sehen können. Versuchen Sie, die Sendung aus dem Radio zu verstehen.
Elefantenhirn. „Gedächtniskünstler“ haben meist eine spezielle Methode für ihre Fähigkeit. Sie verbinden komplizierte Zahlenreihen oder andere Inhalte mit Bildern und Geschichten, die man sich leichter merken kann. Im Alltag kann man Erledigungen mit Tätigkeiten verknüpfen: „Der Brief klebt auf der Fußsohle (Brief zur Post bringen). Ich schlage mir das Knie auf und brauche ein Pflaster (Pflaster besorgen) ...“ Oder bei Namen: Herr Baumgartner sitzt im höchsten Baum im Garten ... Ein Beispiel, wie man sich Pincodes merken kann: Einen Satz finden, dessen Wörter aus so vielen Buchstaben besteht, wie die Zahlen benennen. Zum Beispiel zu „5734: Jetzt brauche ich Geld.“
Arbeitsspeicher. Eine Herausforderung für das Gehirn ist zum Beispiel, die ungeübte Hand für Alltagshandgriffe zu verwenden. Etwa mit links die Zähne zu putzen, wenn man Rechtshänder ist. Es geht immer besser, weil das Gehirn dazulernt – neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden so gestärkt. Das wiederum fördert die Kreativität. Ein trainiertes Gehirn kann Probleme schneller lösen. Das ist vergleichbar mit einem Computer: Je größer der Arbeitsspeicher, desto schneller kann er arbeiten. Als Übung kann man Worte verkehrt herum buchstabieren, zum Beispiel wird „Wort“ zu „T-R-O-W“. Das Rätsel in der Zeitung wird mit diesen Übungen sicher noch schneller zu lösen sein.
- Buchtipp: 1-MIN-Gehirntrainer, Dr. Katharina Turecek, Krenn Verlag, Euro: 9,95.
Zur Sache
Der vernachlässigte „Muskel“
„Das Gehirn kann man mit einem Muskel vergleichen, auch wenn es kein Muskel ist“, meint Dr. Katharina Turecek. Die Ärztin hat sich auf Gehirnforschung und Lernen spezialisiert und schreibt Bücher zum Thema. „Wenn jemand im Krankenhaus liegt und sich länger nicht bewegen kann, merkt er, wie schnell das geht, dass die Muskelkraft abnimmt“, erklärt sie ihren Vergleich weiter. „Beim Gehirn ist das nicht anders.“ Deshalb sei es so wichtig, für unseren „Gedächtnismuskel“ etwas zu tun. Und „das Tolle“ für Katharina Turecek ist, dass man die Leistungssteigerung genau wie bei Muskeln auch schnell merkt. Wer sein Gehirn trainiert, hat nicht nur ein besseres Gedächtnis, er oder sie kann auch in anderen geistigen Bereichen im Alltag besser mitdenken. Die Basis für ein gutes Gedächtnis ist für die Hirnforscherin die Wahrnehmung. „Das Schärfen der Sinne ist der Start für ein Gehirntraining“, so die Expertin. Oft mangelt es schon an der Konzentration und der Aufmerksamkeit. Nur wer genau zuhört, kann sich das Gehörte auch merken. Nur wer aufmerksam sein und konzentriert bei der Sache bleiben kann, hat auch Erfolg beim Lernen, etwa bei Sprachen oder in mathematischen Bereichen. Lernen kann man lernen, davon ist Katharina Turecek überzeugt. „Wenn man nicht die richtige Methode hat, ist schade um die Zeit.“